Beratung bei Tattoo- und Piercingstudios: Schmerzhaftes Ergebnis

Komplikationen und Kontraindikationen kaum erwähnt. Einverständniserklärung meist nicht eingeholt.

Wien (OTS) - Wer tätowiert oder pierct, hat sich in Österreich an bestimmte gesetzliche Bestimmungen zu halten - nicht zuletzt, da damit auch gesundheitliche Risiken verbunden sind. Denn nicht selten bringt der Körperschmuck Komplikationen wie Entzündungen, Schwellungen oder Allergien mit sich.

Das Testmagazin "Konsument" hat insgesamt 15 zufällig ausgewählte Wiener Tattoo- bzw. Piercing-Studios daraufhin geprüft, ob die gesetzlich vorgeschriebene Beratungs- und Aufklärungspflicht eingehalten wird. Eine der beiden Testpersonen war zum Testzeitpunkt 15 Jahre alt - hier wurde zudem erhoben, ob die Altersbestimmungen eingehalten werden. Weiteres Testkriterium war die Hygiene.

"Das Ergebnis geht unter die Haut: Es ist ernüchternd und bedenklich, dass rund die Hälfte der getesteten Studios ,weniger’ oder ,nicht zufriedenstellend’ abschneidet. Noch dazu, da nur jene Bereiche abgefragt wurden, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Gerechterweise muss man aber auch sagen, dass einige Studios sehr positiv hervorstechen", zieht Ing. Franz Floss, Geschäftsführer des Vereins für Konsumenteninformation (VKI), Bilanz. "Konsument"-Gesundheitsexpertin Dr. Bärbel Klepp: "Häufig mangelt es bei der Aufklärung über Komplikationen und Kontraindikationen, nur die Minderheit fragte zudem nach dem Alter der 15jährigen Testerin." Auch beim Hygieneverständnis ortet Klepp Verbesserungsbedarf. Insgesamt wurden sieben "weniger zufriedenstellend" und vier "nicht zufriedenstellend" vergeben.

15 Studios - hautnah getestet

Das Testmagazin "Konsument" schickte eine weibliche Testperson (15 Jahre, Nabelpiercing) und eine männliche Testperson (25 Jahre, Tätowierung beim Knöchel) in den Test. Die beiden Tester wurden in je zehn Studios vorstellig - insgesamt wurden damit 15 Studios getestet, von denen fünf sowohl Piercings als auch Tätowierungen anbieten. Am Prüfstand: der allgemeine Eindruck, die Hygiene, die Beratung und der Gesamteindruck.

Bei der Beratung wurde überprüft, ob die gesetzlich vorgeschriebene Beratungs- und Aufklärungspflicht gemäß BGBl. II Nr. 141/2003 eingehalten wurde. So wurde die Aufklärung über Kontraindikationen und Komplikationen, zur Nachbehandlung, Entfernung, aber auch die Frage nach dem Alter erhoben.

Beratung - großteils ernüchternd

Komplikationen wie Schwellungen, Blutungen, Infektionen, Allergien oder Ausrisse wurden bei der Beratung kaum erwähnt. Positive Ausnahme ist die Aufklärung der Piercing-Kandidatin über die mögliche Reaktion einer Entzündung: Diese erfolgte achtmal. Den Hinweis, bei Komplikationen einen Arzt aufzusuchen, erhielt die Piercing-Kandidatin immerhin vier Mal, der Tattoo-Tester gar nur einmal. "Argumente wie, dass erst dann umfassende Aufklärung und Infos gegeben werden, wenn das Einverständnis gegeben wurde und der Eingriff tatsächlich erfolgt, erscheinen uns nicht gerechtfertigt", kritisiert Klepp. "Denn um eine Entscheidung für oder gegen diesen Körperschmuck treffen zu können, muss ich ja vorab diese Informationen erhalten und verarbeiten."

Ernüchternd auch das Ergebnis bei der Aufklärung über Kontraindikationen: Patienten, deren Immunsystem beeinträchtigt ist (z.B. HIV), die unter Hepatitis, Blutgerinnungsstörungen, Geschlechtskrankheiten oder bekannten Allergien (z.B. Nickel) leiden sowie Diabetiker dürfen nicht tätowiert oder gepierct werden. Lediglich für vier Studios war das ein Thema. Laut Gesetz ist der Tätowierer/Piercer aber nicht nur verpflichtet, über Kontraindikationen aufzuklären, er muss sich diese Aufklärung zudem schriftlich vom Kunden bestätigen lassen. Das geschah bei den Tattoostudios in keinem einzigen Fall.

Recht umfangreich war hingegen die Aufklärung über die Nachbehandlung - sie erfolgte bei der Piercing-Beratung neunmal, beim Tattoo-Testkandidaten in sieben Fällen. Insgesamt war die Beratungsdauer - die erhoben, aber nicht bewertet wurde - beim Piercen mit zwei bis zehn Minuten aber erschreckend kurz. Etwas umfangreicher fiel sie bei der Tattoo-Beratung aus. In drei Fällen dauerte diese allerdings nur fünf Minuten, in einem Fall unterblieb sie gar. Über die Kosten wurde dagegen nahezu ausnahmslos informiert.

Vor den Vorhang - hinter den Vorhang

Die Aufklärung über die Möglichkeit der Entfernung des Piercings/Tattoos war sehr unterschiedlich - diese fiel im Bereich Tattoo insgesamt eine Spur besser aus. Letztlich gab es aber auch hier drei "nicht zufriedenstellend". Besonders umfassend wurde bei Triple X Tattoo über die Entfernung eines Tattoos informiert und darauf hingewiesen, sich nur dann tätowieren zu lassen, wenn man sich seiner Sache sicher ist. Ein kleines Schockerlebnis erlebte dagegen die 15jährige Testerin - bezeichnenderweise in der Shockin’ City: Als sie meinte, sich den Eingriff nochmals überlegen zu wollen, wurde sie massiv bedrängt, sich sofort piercen zu lassen - ohne gesetzlich vorgeschriebene Einwilligung der Eltern. Auch Infos zur Entfernung waren hier selbstredend kein Thema.

Altersbestimmung - offene Wunde

Beim Piercen von mündigen minderjährigen Personen (14 bis 18 Jahre) ist laut Gesetz eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten notwendig, wenn die Wundheilung der gepiercten Körperstelle länger als 24 Tage dauert. Im Fall eines Nabelpiercings kann dies zwischen vier Wochen und neun Monaten dauern.

Gesetzeskonform verhielten sich aber nur die wenigsten: Lediglich in drei von zehn Fällen wurde nach dem Alter und einer Einverständniserklärung, in zwei Fällen nach dem Ausweis und einer Ausweiskopie der Eltern gefragt. "Es ist äußerst bedenklich und unverantwortlich, dass sich die Mehrheit nicht einmal nach dem Alter erkundigt hat - noch dazu bei einem Eingriff, der durchaus Komplikationen mit sich bringen kann", beanstandet Klepp mit Nachdruck das Ergebnis, "hier ist eindeutig Handlungsbedarf gegeben." Lediglich das Trend Agent GmbH & Piercingstudio sowie Professional Piercing erfüllten die Anforderungen.

Hygiene - noch Verbesserungsbedarf

Bei der Hygiene wurde beurteilt, ob die gesetzlich vorgeschriebenen Mindestanforderungen (BGBl. 141) in den Betriebsräumen und in den Eingriffsräumen (Tattoo) eingehalten wurden. Hier gibt es neunmal ein "sehr gut", dreimal ein "gut". Die vorgeschriebene Verwendung von Einmalhandschuhen erfolgte bis auf eine Ausnahme immer, an die vorgeschriebene Kopfbedeckung hielt sich aber niemand. Im Tattoo Studio Vienna wurden zwar Einmalhandschuhe getragen, dazwischen jedoch ein Telefonat damit geführt. Würde es sich beim Tätowierten um einen infektiösen Patienten handeln wie z.B. HBV, wären die Hepatitis-Viren auf das Telefon und von dort beim nächsten Kunden auf diesen übertragen worden. Chapeau!

"Konsument"-Tipps

Hygiene. Mindeststandards sind Einmalhandschuhe, die auch gewechselt werden, wenn etwas anderes angegriffen wird, sowie eine Kopfbedeckung.

Zeit. Sich Zeit für die Entscheidung nehmen und sich nicht drängen lassen. Das gilt umso mehr bei Tattoos, die mehr oder weniger ein Leben lang erhalten bleiben.

Auswahl. Um den Beruf des Tätowierers oder Piercers legal ausüben zu können ist eine Gewerbeberechtigung nötig. Um diese zu erhalten, muss eine standardisierte Ausbildung nachgewiesen werden.

SERVICE: Die registrierten Gewerbebetriebe können auf der Homepage der Wirtschaftskammer unter
http://firmen.wko.at/Web/SearchComplex.aspx im Firmen A-Z gesucht
werden (Tipp: Suche mittels "Branchenauswahl"). Die Wiener Landesinnung der Fußpfleger, Kosmetiker und Masseure bietet zudem auf http://www.fkmwien.at/ eine aktuelle Liste der Wiener Piercer und Tätowierer.

Rückfragen & Kontakt:

Verein für Konsumenteninformation/
Testmagazin "Konsument"
Mag. Andrea Morawetz
Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 01/588 77 - 256
Email: amorawetz@vki.at
www.konsument.at

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