"Die Presse" Leitartikel: Haie und kleine Fische, von Josef Urschitz

Ausgabe vom 23.04.2009

Wien (OTS) - Die FMA ermittelt gegen den OMV-Boss. Das wirkliche Insiderproblem liegt aber auf einer anderen Ebene.

Genau genommen werden an der Börse nicht Aktien, sondern Informationen gehandelt: Wer solche früher als andere hat und diese in Form von Transaktionen verwertet, macht das große Geld. Die schlechter Informierten bleiben auf der Strecke. Das ist ein Problem, denn ein Markt kann nur fair funktionieren, wenn die Teilnehmer über annähernd gleiche Informationen verfügen. Sonst entstehen schnell Asymmetrien, die auf Dauer den gesamten Markt kaputt machen. Im Klartext: Wenn ein paar Insider ständig den Rest über den Tisch ziehen, dann werden sich die Permanentgeschädigten früher oder später zurückziehen.

Insiderhandel ist also so alt wie die Börse. Und er ist an entwickelten Märkten seit jeher mit ziemlich empfindlichen Strafen bedroht. In den USA etwa seit den Dreißigerjahren. In den vergangenen 20 Jahren haben sich auch die kontinentaleuropäischen Börsen zu ernsthaften Mitspielern entwickelt. Und parallel dazu hat sich Insiderhandel auch hierzulande als Straftatbestand und absolutes "No-no" für seriöse Börsianer etabliert. Die Zeiten der berühmten "Vienna Insider Party", die nach Belieben Kurse manipuliert und dabei abgesahnt hat, sind jedenfalls lange vorbei. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Ermittlungen wegen Insidervergehen (nicht jedoch die Zahl der Verurteilungen) stark erhöht.

Jetzt ist OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer ins Visier der Finanzmarktaufsicht geraten. Er hat im Umfeld des MOL-Verkaufs mit Aktien des eigenen Unternehmens gedealt. Und die FMA untersucht nun, ob dabei Insiderinformationen verwertet worden sind. Es gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

Der Fall Ruttenstorfer eignet sich freilich kaum als exemplarisches Beispiel für den Kampf gegen den Insiderhandel: Es geht um vergleichsweise läppische Summen. Und so, wie es aussieht, hat der OMV-Boss auch alle in den einschlägigen Vorschriften festgelegten Fristen eingehalten, die Transaktionen der FMA gemeldet und auch auf der Website des eigenen Unternehmens veröffentlicht. Die FMA prüft jetzt einmal routinemäßig. Es könnte leicht sein, dass diese Prüfung, wie so oft, im Sand verläuft.

Das Problem, um das es hier geht, ist - wie wohl auch bei den Betroffenen in der Bier-Insideraffäre, deren Freisprüche vom Oberlandesgericht gerade gekippt worden sind - eher eines der mangelnden Sensibilität. Topmanager sind nun einmal Primärinsider. Wenn sie nicht gerade Vollversager sind, wissen sie über kursrelevante Entwicklungen in ihren Unternehmen sehr frühzeitig Bescheid. Wenn sie also Aktien des eigenen Unternehmens kaufen oder verkaufen, dann tun sie das, ob sie es wollen oder nicht, immer auf Basis von Insiderinformationen. Man möchte also meinen, dass sie bei solchen Deals besonders sensibel vorgehen (und nicht nur formelle Fristen exakt einhalten). Da fehlt aber offenbar das "Unrechtsbewusstsein".

Das eigentliche Problem liegt freilich ganz woanders: Dass es Insiderhandel nicht nur in Österreich immer wieder in großem Stil gibt, sieht ja jeder, der sich die Kursbewegungen rund um brisante Firmennachrichten ansieht. Nur: Erwischt werden meistens Primärinsider, die ein paar Tausender damit gemacht haben, dass sie die Insiderregeln ein bisschen zu großzügig ausgelegt haben.

Die wirklich großen Marktmanipulationen und Insidergeschäfte bleiben dagegen meist ungesühnt. Viele werden sich vielleicht noch an jenes Wunder, das bei einem großen österreichischen ATX-Konzern passiert ist, erinnern. Damals musste der Aktienkurs an einem bestimmten Tag eine bestimmte (zum damaligen Zeitpunkt ziemlich unrealistische) Höhe erklimmen, um dem Vorstand Millionen aus zugeteilten Aktienoptionen zu sichern. Müßig zu sagen, dass der Kurs in der richtigen Stunde auf die richtige Höhe kam. Ebenso müßig zu sagen, dass die Untersuchungen ergaben, dass der Zufall Regie geführt hatte.

Oder der derzeit in Deutschland laufende Fall HRE: Da haben Banken unmittelbar vor Bekanntwerden von existenzbedrohenden Verlusten große Aktienpakete verkauft. Unnötig zu sagen, dass sie sich damit hohe Verluste erspart haben, denn unmittelbar darauf stürzte der Kurs total ab. Auch hier gibt es bislang kein Ergebnis.

Insiderhandel ist also durchaus ein massives Problem an den Börsen. Aber er spielt sich auf einer Ebene ab, bei der die Finanzaufsichtsbehörden offenbar "anstehen".

Wenn sich Insider durch Regelverstöße ein paar Tausender verdienen, ist das natürlich zu ahnden. Dass es aber nie die wirklich großen Fische erwischt, schmerzt.

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