Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Schule: eine Demaskierung"

Ausgabe vom 23. April 2009

Wien (OTS) - Wenn an amerikanischen Universitäten Vorlesungen ausfallen oder mehrmals zu spät begonnen werden, gibt es immer wieder Proteste von Studenten. Sie werfen faulen Professoren vor: "Hey, wir bezahlen da viel Geld! Wieso bekommen wir nicht die versprochene Gegenleistung?"

Wenn an Österreichs Schulen ein paar schulautonome Tage gestrichen werden sollen, gibt es ebenfalls Proteste - aber sie richten sich gegen die Ausdehnung der Schulzeit. Fremdenverkehrsverbände bangen ums Geschäft (als ob sich halbgebildete Absolventen in Zukunft noch lange Urlaube leisten könnten); Schüler kämpfen um ihre Freizeit (als wollten sie zeigen, welche eindrucksvolle Reife jene jungen Menschen haben, denen der heimische Gesetzgeber das Wahlrecht gegeben hat); und sogar die Elternvertreter protestieren.

Das ist nun wirklich absolut demaskierend für jene Menschen - oder nur deren Vertreter? -, welche die Jugend dieses Landes erziehen sollten. Den Elternvertretern ist eine Woche (von mehr als drei Monaten!) Ferien wichtiger als die Bildung ihrer Kinder. Sie haben vergessen, dass die "schulautonomen Tage" erst vor wenigen Jahren überhaupt erst eingeführt worden sind. Sie ignorieren auch die vielen Klagen, wie schwer es sei, die Betreuung der Kinder an solchen Tagen zu organisieren.

Und die Ministerin? Die zeigt, wie sehr sie vom harten Ringen der letzten Wochen angeschlagen ist. Sie freut sich nicht über die zusätzlichen Tage für die Schule, sondern betont, dass das Ganze ja (nur) eine Idee der Lehrer war. Und dass die Nutzung der gewonnenen Tage noch offen sei. Wie wäre es, verehrte Frau Minister, wenn man einfach das macht, was man vor Einführung dieser zusätzlichen Ferien gemacht hat - nämlich unterrichten?

Vielleicht gibt es dann wieder mehr Maturanten und Magister, die begreifen, was eine Prozentrechnung ist, die den Unterschied zwischen dem österreichischen und dem deutschen Kaiser kennen, die den zweiten vom dritten Fall unterscheiden können und die einen schlichten Aufsatz mit zumindest einem klaren Gedanken schreiben können.

In einem Land, wo die Kürzung der 14. Ferienwoche viel wichtiger ist als die Schuldenexplosion, wird es schon egal, wie viel Geld man beispielsweise für die oft zitierte Forschung ausgibt. Denn so ein Land hat sich ja bereits selbst aufgegeben.

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