Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Sprachlose Schulen"

Ausgabe vom 16. April 2009

Wien (OTS) - Oft wundert man sich, wie schlecht viele junge Österreicher sich verbal artikulieren. Im Vergleich zu Deutschen, Franzosen, Italienern oder gar Amerikanern und Briten mangelt es ihnen sehr an Selbstbewusstsein und Sicherheit. Sie plagen sich mit der Hochsprache und tun sich schwer, klare Gedanken nachvollziehbar zu formulieren.

Warum kommt einem das gerade derzeit in den Sinn? Weil dieses Defizit ganz offensichtlich mit unseren Schulen zu tun hat, weil selbst die Lehrervertreter in ihrem Arbeitskampf nicht gut kommunizieren. Denn die Lehrer hätten viel bessere Argumente, als der Öffentlichkeit bisher vermittelt werden konnte: Erstens sind sie im Öffentlichen Dienst derzeit die Einzigen, die persönliche Opfer bringen sollen. Zweitens wurden diese auf provozierende Weise von ihnen verlangt. Drittens dient die verlangte Mehrarbeit weniger der (notwendigen) allgemeinen Krisenabwehr als vielmehr dazu, dass fragwürdige, aber teure pädagogische Experimente (Gesamtschulen, Wahlpflichtfächer wie auch allerlei Projektomanien) finanzierbar bleiben. Viertens haben die diversen Schulbehörden die Lehrer durch immer mehr juristische Fesseln und pseudopädagogische Irrwege von ihrer eigentlichen, schönen wie auch schwierigen Aufgabe abgelenkt.

Dennoch bleibt klar: Jeder Streik ist von Übel; einer im öffentlichen Dienst ganz besonders; und in den Schulen ist er am schlimmsten. Denn er lehrt die Jungen, dass nicht gut formulierte Argumente (siehe oben), sondern Erpressung zum Ziel führt.

Immerhin ist die Reaktion der Schüler kreativer. Bis auf radikale Randgruppen streiken sie nicht. Haben sie etwa gar erkannt, dass jeder Schultag weniger ihnen selbst mehr schadet als der Regierung? Statt zu streiken, boykottieren sie einen der vielen Schultests, die letztlich wenig aussagen, aber viel Unterrichtszeit kosten. Und die primär zur Arbeitsbeschaffung für die zahllosen Pädagogen an Unis und in Instituten, für Psychologen, Soziologen, Politologen, Bildungspolitiker etc. dienen.

Denn die meisten ideologie- und theorielastigen Reform-Ideen, die mit Pisa und Co begründet werden, waren und sind kein Beitrag dazu, dass unsere Kinder nach Abschluss der Schule dem Leben und dem Beruf besser gewachsen wären. Was dazu wirklich nötig wäre, wissen Arbeitgeber wie auch Lehrern und Eltern viel besser. Schade, dass sie sich so wenig artikulieren - können.

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