"Napoleon in Wien": Neues Wiener Geschichtsbuch

Wien (OTS) - Neben Haydn-Jahr und 20 Jahre Wegfall des Eisernen Vorhangs schiebt sich im Mai auch die Erinnerung an die Schlachten von Aspern (21./22.5.) und Deutsch Wagram (5./6.7.) vor 200 Jahren. Asperner Löwe, Esslinger Schüttkasten, Napoleon Kreuz, auch das heute verloren wirkende Wäldchen bei Raasdorf, seinerzeit Napoleons Hauptquartier: Auf der Wien-Umgebungskarte finden sich Erinnerungseintragungen zuhauf, am Heldenplatz die Reiterstatue von Erzherzog Karl. Dazu gesellt sich seit kurzem auch das Buch "Napoleon in Wien" von Johannes Sachslehner, mit Bildern von Robert Bouchal. Am Status des Vergessens wird sich deswegen nicht allzu viel ändern.

Sachslehner, der vor nicht allzu langer Zeit in ähnlich dramatisch-anschaulicher Art die türkische Belagerung von 1683, wie auch die vielerorts beachtete Biographie über den Wiener Nazi Apad Göth, bekannt durch Spielbergs "Schindlers Liste", aufgearbeitet hat, bleibt auch bei "Napoleon in Wien" der Unmittelbarkeit als dramatisches Mittel treu. Mittels Urkunden und Niederschriften der Wiener Verwaltung, Erinnerungen und Tagebucheinragungen, militärischer Protokolle, Befehlen und Briefen schafft der Historiker eine dichte Atmosphäre, die es einem ermöglicht, etwa die dramatischen Versorgungsengpässe Wiens zwischen Aspern und Deutsch-Wagram vor Augen zu führen. Vom Schwarzhandel mit Wein aus dem Stift Klosterneuburg bis zum Mehldumping der Wiener Bäcker:
Ähnlich populären Semi-Dokus im Fernsehen geht es bei Sachlehner sehr plastisch zur Sache. Auch auf dem Schlachtfeld. Etwa wenn am Abend nach der Schlacht von Aspern französische Soldaten aus den toten Pferden Ragouts herstellen. Oder der kurzfristig besiegte Napoleon verfügt, dass seinen Soldaten für abgeschossene Arme und Beine 10 bis 20 Franc ausbezahlt werden. Kurze Zeit später, bei Deutsch-Wagram, werden rund 60.000 Tote und Verwundete zu bilanzieren sein.

Am Institut für Kulturwissenschaften würde Sachslehner mit seinem Ansatz, Geschichte begreifbar zu machen, wohl kein Stipendium erhalten. Sonderlich stören dürfte das den Programmleiter des Styria-Verlages nicht. Zu seinen Vorbildern zählt Friedrich Heer, bei Erich Zöllner hat er studiert. Wenn es einen roten Faden des Interesses bei ihm gibt, dann ist es die Frage nach der Ursache von Fanatismus. Über Mirko Jelusich, einen Autor rechtslastiger übler Werke der Zwischenkriegszeit, dissertierte er. Klaus Theweleits berühmte Studie "Männerphantasien" (1977/78) beeinflusste ihn maßgeblich. "Napoleon ist in Österreich mehr oder weniger vergessen", resümiert der 51jährige über den kurzzeitigen Beherrscher Europas. Zur aktuellen Forschungsarbeit an den Unis hält er fest, dass viele Ergebnisse im "Elfenbeinturm" verblieben. "Der Unterschied zum angelsächsischen Raum ist da groß." Sachslehners Stil selbst erinnert an britische Geschichtsschreiber, die sich gemeinhin nicht allzu kompliziert ins Getümmel der Vergangenheit schmeißen, ohne deswegen in die patriotische Falle zu tappen. Es ist schon beeindruckend, wie sehr er es schafft, den Leser mitten ins Geschehen zu ziehen. Durch geschickt gesetzte "Schnitte" erlebt man etwa den Kanonenbeschuss Wiens bei Napoleons zweiter Eroberung der Stadt im Mai 1809, die erste wurde noch friedlich an der Taborbrücke verhandelt. Während der bekannte Orientalist Josef Freiherr von Hammer-Purgstall byzantinische Geschichtsschreiber exzerpiert, läuft Franz Grillparzer bewaffnet mit seinen Studenten-Kollegen durch das brennende Wien. Details, ohne sich dort zu verlieren: Sachslehner lässt die Quellen sprechen - für "Napoleon" konnte er eine Reihe neuer französischer Quellen aufarbeiten - die große Interpretation überlässt er anderen. Historie als Erzählung, wenn gleich auch als dramatische: Auf diesem Pfad trifft man den vielfach beschäftigten Verlagsfachmann verlässlich an. Auch in Zukunft, wo von ihm ein Buch über "österreichische Gedächtnisorte" zu erwarten ist.

Das gut 200 Seiten starke Buch ist reich bebildert, von Tagebucheintragungen und Covers damals populärer "Schlachten"-Lieder bis zu Gemälden und alten Stichen. Bemerkenswert sind auch seine Schilderungen über die berühmt-berüchtigte Wiener Schaulust, die etwa dazu führte, dass kurz nach dem Gemetzel von Deutsch-Wagram die ersten Bürger mit eleganten Kutschen den "Mordacker" vor den Toren der Stadt besuchten. Ironisches Detail: Der gebürtige Scheibbser wohnt heute in der Nähe der Lobau, also nicht unweit entfernt von den Mordackern zu Aspern vor 200 Jahren.

o Robert Bouchal/Johannes Sachslehner: Napoleon in Wien. Fakten und Legenden. Pichler Verlag 2008 (www.pichlerverlag.at), 224 Seiten, Euro 24,95, ISBN 978-3-85431-461-5

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