WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Der Neid lässt seltsame Blüten blühen - von Esther Mitterstieler

Erfolge sollen belohnt werden, Misserfolge eben nicht

Wien (OTS) - Die Diskussion um die Managergehälter ist nur ein Aspekt der derzeitigen Wirtschaftskrise. Klar: Wo Krise ist, schauen die Leute genauer hin. Unklar bleibt dennoch: Warum stellen wir uns Fragen der Ethik im Management erst dann, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht? Hier sammeln sich einige schöne Punkte an, weswegen die Gehälterfrage prinzipiell zu stellen ist. Nicht nur für Manager, für alle.

Da hätten wir schon einen geradezu allumfassenden Aspekt: Der Neid lässt falsche Fantasien erblühen. Plötzlich ist jeder, der mehr als man selber verdient, ein Großverdiener und kann sich das sicher nicht wirklich verdient haben. Von den Top-Managern ganz zu schweigen, die am Monatsende deutlich mehr als der Bundeskanzler in der Tasche haben. Es liegt in der Natur des Kapitalismus, dass Top-Manager Spitzenverdiener sind, weil sie Spitzenleistungen erbringen. Die Crux an der Sache: Top-Manager sollen ruhig Spitzengagen kassieren, aber nur, wenn sie auch außergewöhnliche Leistungen vollbringen. Da können wir über die Definition von Spitzenleistungen diskutieren. Hier hilft uns das Gesetz aus dem Schlamassel. Wer heute fordert, Top-Managern soll das Gehalt gekürzt werden, führt eine Diskussion jenseits des Rechtes. Sprich: Verträge müssen eingehalten werden. Das gilt im Übrigen für alle, auch jene, die weniger verdienen.

Erweitern wir den Kreis und betrachten auch Bonuszahlungen und Aktienoptionen; hier kann sehr wohl angesetzt werden. Auch hier müssen wir die Kirche im Dorf lassen: Erfolge sollen belohnt werden, Misserfolge eben nicht. US-Präsident Barack Obama und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel haben schon vor Wochen ähnliche Vorschläge gebracht, die da lauten: Die Unternehmen, die um staatliche Hilfe bitten, sollen die Gehälter ihrer Top-Manager auf 500.000 Dollar bzw. Euro begrenzen. Österreich macht hier eine unrühmliche Ausnahme. Da muss doch die Allgemeinheit bitteschön eine Gegenleistung der Manager einfordern dürfen. Das wäre im Sinne jener "Eudamonia", die Aristoteles als vornehmste aller Tugenden pries: die Gerechtigkeit. Der griechische Philosoph hätte wohl in der aktuellen Diskussion nicht so sehr die Höhe der Managergehälter als vielmehr ihr Tun unter die Lupe genommen. Sein Motto: ihr Handeln sollte dem Wohl der Bürger dienen. Dabei muss klar sein: Wenn der Staat hilft, dann müssen die Manager an der Spitze der Unternehmen zeitweise Verzicht üben. Das ist gerecht. Schließlich müssen dieses Geld die Steuerzahler aufbringen.

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