"Kleine Zeitung" Kommentar: "60 Jahre nach ihrer Gründung muss sich die Nato neu erfinden" (von Stefan Winkler)

Ausgabe vom 04.04.2009

Graz (OTS) - Im Leben vieler Menschen stellt der 60. Geburtstag einen Wendepunkt dar: Das Berufsleben neigt sich dem Ende zu, der Körper tut nicht mehr so, wie er sollte: Zeit, etwas kürzer zu treten.

Ganz anders die Nato, die in Straßburg und Baden-Baden mit einem Jubiläumsgipfel ihr 60-jähriges Bestehen feiert. Es ist ein gewaltiges Spektakel, für das weder Kosten noch Mühen gescheut wurden: Schöne Reden werden geschwungen, große Gesten gesetzt.

Der Gipfel ist ein Kontrapunkt auch zur Krise: Die Zeiten sind traurig, so traurig wie schon lange nicht. Jahrzehntelang hat der Westen den Nimbus wirtschaftlicher Unverwundbarkeit kultiviert. Plötzlich zerrinnt diese Gewissheit wie Sand zwischen den Fingern. Blasen platzen, Finanzimperien kollabieren und Staaten wanken. Aber die Nato steht wie ein Fels in der Brandung.

Sechzig Jahre nach ihrer Gründung ist ihre Anziehungskraft ungebrochen. Gerade erst sind Albanien und Kroatien beigetreten, der verlorene Sohn Frankreich kehrt in den Schoß des Bündnisses zurück. Nato-Truppen stehen im Kosovo, kämpfen in Afghanistan und machen vor dem Horn von Afrika Jagd auf Piraten.

Das alles straft scheinbar all jene Lügen, die vor 20 Jahren nach dem Fall der Berliner Mauer erklärt hatten, mit dem Sieg über den Kommunismus, der zugleich ihr größter Triumph war, sei auch das Ende der westlichen Waffenbrüderschaft gekommen. Die Nato hat den Kalten Krieg gewonnen. Eine neue Rolle hat sie seither nicht gefunden.

Ihr Hauptproblem: Dem Nordatlantikpakt ist mit dem Zerfall des Sowjetreichs seine Sinnstiftung abhanden gekommen. An die Stelle des einen großen Erzfeindes ist eine unüberschaubare Vielzahl neuer Kriege getreten, in denen nicht der weltanschauliche Konflikt zwischen zwei monolithischen Blöcken, sondern lokale Warlords, Söldner und Terroristen die Hauptrolle spielen.

Die Welt ist nicht friedlicher geworden. Doch in der Nato ist man sich uneins darüber, wo überhaupt die größte Bedrohung liegt. Ist es die Migration aus dem Süden, wie Italiener und Griechen behaupten, oder Russland, vor dem sich die Osteuropäer am meisten fürchten? Soll die Allianz nach dem Willen der USA zu einer Art Weltpolizei ausgebaut werden? Oder würde sie das überfordern, wie Deutschland und Frankreich warnen?

Sechzig Jahre nach ihrer Gründung muss sich die Nato neu erfinden. Sie muss sich klar darüber werden, wozu sie überhaupt gebraucht wird. Gelingt ihr das, ist ihr ein zweiter Frühling gewiss.****

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