"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Psychologen an die Front" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 03.04.2009

Wien (OTS) - Die wirtschaftliche Entwicklung wird auf längere Zeit vor allem von den Erwartungen der Konsumenten, der Unternehmer und der Gehaltsempfänger bestimmt werden. Deshalb war die sachlich schwer zu rechtfertigende Verschrottungsprämie für Autos politisch richtig und die Forderung der Industrie nach einer Nulllohnrunde falsch. Richtig gewesen ist auch die gestrige Ankündigung von Finanzminister Josef Pröll, der Industrie mit staatlichen Kreditgarantien unter die Arme zu greifen. Bei einigen Großunternehmen geht es dabei ums Überleben. Sie brauchen Geld, um Betriebsvermögen und Vorräte zu finanzieren.
Mit Staatsgarantie werden sie die notwendigen Kredite bekommen, allerdings nur bei entsprechender Bonität. Dafür werden die Banken sorgen, die selbst für 20 Prozent der Darlehen gerade stehen müssen. Für die restlichen 80 Prozent bürgt der Staat.

Blanke Psychologie ist das strikte "Nein" des Finanzministers zu staatsgarantierten Anleihen: Pröll wird dabei wohl einen Brief der Ratingagentur "Moody’s" im Sinn gehabt haben. Moody’s warnt darin vor weiteren Staatsgarantien, weil sie das Rating Österreichs auf den Kreditmärkten verschlechtern (und die Kreditaufnahme damit verteuern) könnten. Bei der Abzweigung von zehn Milliarden Euro aus dem Bankenpaket besteht diese Gefahr nicht.
Das weiß auch die Industriellenvereinigung, die sich prompt überschwänglich bedankt hat, obwohl ihre Wünsche nur zum Teil erfüllt werden. Soviel Gspür hätte man sich auch gewünscht, ehe die Industrie laut nach einer Verschiebung der anstehenden Lohnrunden oder gar nach einer Nulllohnrunde gerufen hat. Einige Unternehmen brauchen das, andere werden auch ohne solche Kraftakte halbwegs gut über die Runden kommen.

Eine solche Forderung ist psychologisch gleich doppelt falsch. Sie bringt die Gewerkschaft unter Zugzwang, mit einem strikten "Nein" dagegen anzukämpfen. Hinter den Kulissen hatten die Gewerkschaften aber bereits Bereitschaft zu Öffnungsklauseln und flexiblen Lösungen gezeigt. Das ist jetzt in Gefahr.
Falsch war die Forderung auch, weil sie die Kaufneigung vermindert. Wer sich vor einer Nulllohnrunde fürchtet, wird eher sparen als jemand, der zumindest mit Inflationsabgeltung rechnen kann.

Das wiegt schwerer als das grundsätzlich richtige Argument, wonach im Durchschnitt nur maximal ein Drittel von Lohnerhöhungen in den Konsum heimischer Produkte fließt; der Rest wird weggesteuert oder gespart. Wie die Konsumenten ticken, zeigt die Verschrottungsprämie, die seit Mittwoch in Österreich ausbezahlt wird. Die Neuanmeldungen von Autos explodieren geradezu. Deshalb tut die Industrie gut daran, die wirtschaftlich triste Lage nicht durch Panikmache weiter zu verschärfen und sich damit selber ins Knie zu schießen.

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