"KURIER"-Kommentar von Gert Korentschnig: "Die Manipulation hat leider System"

Dass die Justiz im Sport und in der Wirtschaft zuschlägt, ist kein Zufall.

Wien (OTS) - Was haben die Weltwirtschaftskrise und die täglich neuen Doping-Enthüllungen gemeinsam? Sehr viel. In beiden Fällen ist eine Blase geplatzt.
Im Wirtschaftsbereich bekommt die ganze Welt zu spüren, dass die Gier nach Profitmaximierung in den vergangenen Jahren so stark angewachsen ist, dass der Bauchfleck unvermeidbar wurde. Traurig ist daran vor allem, dass auch jene zu Schaden kommen, die mit lauteren Mitteln agierten.
Im Sportbereich werden nun die Auswüchse der seit vielen Jahren krankhaft betriebenen Leistungssteigerung sichtbar. Jeden Tag fliegen Hintermänner oder Athleten, die ihren Körper mit unerlaubten Mitteln vollgepumpt haben, auf. Leider nimmt auch hier der gesamte Sport, sogar der saubere, Schaden. Und leider wird das Image vieler Sportarten auf Jahre hinaus ruiniert sein.
In beiden Bereichen spricht man von Wettbewerb - das ist kein Zufall. Das Prinzip jener, die sich über Reglements oder gar Gesetze hinwegsetzen, ist in der Wirtschaft und im Sport dasselbe: Hole das Maximum aus deinem Geld oder aus deinem Körper heraus. Und wenn es mit konservativen, legalen Mitteln nicht mehr funktioniert? Dann hilf halt ein wenig nach. Oder auch heftig. Hauptsache, es merkt möglichst lange keiner.
Absurd ist die Empörung über die Dopingfälle dennoch. Kein vernünftiger Mensch konnte ernsthaft annehmen, dass es im Sport kein massives Dopingproblem gibt. Natürlich werden Trainingsmethoden immer besser, und der Mensch ist heute zu Leistungen fähig, von denen man vor einigen Jahrzehnten nur träumen hätte können (übrigens nicht nur im Sport, sondern auch in der Wissenschaft, in der Technik etc). Aber die Rasanz der Steigerungen, die Flut der Rekorde, musste in manchen Bereichen schon immer stutzig machen. Auch in der Wirtschaft hätte man nicht davon ausgehen dürfen, dass das Wachstum ewig weitergeht. Die Sportler, die gedopt haben, sind gleichermaßen Opfer wie Täter. Und doch bei näherer Betrachtung weder noch, sondern Symptome eines kranken Systems, Repräsentanten eines Gesellschaftsmodells, in dem alles in Sieger und in Verlierer eingeteilt wird. In dem die schnelle Schlagzeile wichtiger ist als der nachhaltige Erfolg. In dem man nur mit Bestleistungen punktet.
Verantwortlich dafür sind wir alle. Die Jagd nach Rekorden macht süchtig: Akteure und Zuschauer. Die Sportler sind nur die Erfüllungsgehilfen unserer überzogenen Erwartungshaltungen.
Dass ein kleines Land wie Österreich, das seine Künstler oft schief anschaut und seine Sportler vergöttert, noch mehr Druck auf eben diese ausübt, ist eine Mutmaßung, aber als These diskutabel. Doping ist kein österreichisches Phänomen. Doping ist auch kein neues Phänomen, sondern so alt wie der Sport selbst. Aber dass in Österreich, wo das Selbstwertgefühl nicht zu den ausgeprägtesten gehört, der Wunsch, in der Weltspitze mitzumischen, besonders groß ist, ist ein Faktum. Nur dass der Zweck die Mittel diesfalls keineswegs heiligt.

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