"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Mehrheitsmoral" (Von Irene HEIZ)

Ausgabe vom 24. März 2009

Innsbruck (OTS) - Empfehlungen der Bioethikkommission ist
politisch Folge zu leisten. Wem sonst?
Die Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt hat sich mit deutlicher Mehrheit dafür ausgesprochen, die Forschung an embryonalen Stammzellen zu erlauben. Unabhängig vom Ausgang des Votums ist die Tatsache zu begrüßen, dass es eines gibt. Denn das Thema liegt schon lange auf dem Tisch - so lange, dass zumindest Fiktionen vom thera-peutischen Einsatz embryonaler Stammzellen bereits Eingang in Romane und TV-Serien gefunden haben.
Hierzulande ist die Forschung an den Alleskönnerzellen bisher auf typisch österreichische Weise geregelt: Bei Befruchtungen im heimischen Reagenzglas übrig gebliebene Embryonen sind tabu. Importierte Embryonen hingegen dürfen beforscht werden.
Das ist ein wissenschaftlich unbefriedigender und ethisch unhaltbarer Zustand, der an ein Grundproblem der Naturwissenschaften in der Konfrontation mit der Gesellschaft rührt. Naturwissenschaft bewegt sich zunächst in einem amoralischen und außerideologischen Raum. Immer wird, das liegt in der menschlichen Natur, zuerst die Tür zu einem neuen Zimmer aufgestoßen und erst dann diskutiert, ob es zulässig oder gar wünschenswert ist, das Zimmer zu betreten und zu möblieren. In diesem Moment erst kommen ethische Aspekte zum Tragen; und Ethik ist wie die Politik nie ideologiefrei, sondern beinhaltet immer die Behauptung absoluter Werte und Wahrheiten.
Einer Politik, die Wirklichkeit gestalten will und muss, bleibt aber nichts anderes übrig, als sich auf sorgsam durchdachte und argumentierte Mehrheitsempfehlungen von Fachleuten zu verlassen. Ob die Empfehlung der Kommission demnächst in ein Gesetz fließt, ist dennoch fraglich. Die wortreiche Reaktion von Wissenschaftsminister Johannes Hahn, der sich
erst nach einer breiten Debatte zu einer Meinung durch-
ringen will, lässt Böses ahnen. Wie viel breiter kann eine Debatte sein als in einem Gremium von Medizinern, Genetikern, Philosophen, Juristen, Theologen?

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