Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Zilk, Olah und Vranitzky"

Ausgabe vom 24. März 2009

Wien (OTS) - Nichts an den Spionage-Vorwürfen gegen Helmut Zilk
ist neu. Außer dass es jetzt konkrete Beweise gibt. Diese sind ernst zu nehmen und, soweit das heute noch möglich ist, genau zu prüfen -natürlich auch in Hinblick darauf, ob es sich nicht um Fälschungen handelt. Worauf etwa die niedrigen Beträge und belanglosen Informationen hindeuten, die Zilk weitergegeben haben soll. Haben doch Ostagenten Zahlungen an angebliche westliche Informanten oft erfunden, um sich selbst zu bereichern.

Im Wiener Innenministerium gibt es pikanterweise nichts zu dem Thema - obwohl man ja noch zu Zilks Lebzeiten den Vorwürfen hätte nachgehen können und müssen. Das erinnert an den spektakulären Fernsehauftritt von Innenminister Franz Olah im Jahre 1963, als er die Vernichtung aller Spitzelakten verkündete - was freilich lange vor der kolportierten Spionagetätigkeit Zilks war. Noch pikanter ist, dass der polternde Olah-Auftritt ausgerechnet in einem Interview -mit eben diesem Helmut Zilk erfolgte.

Wir werden in diesem Wirrwarr, dessen tschechische Aspekte wir noch weniger durchschauen, wohl nie die ganze Wahrheit erfahren. Daher sollte man sich in der Beurteilung Zilks an die bekannten Fakten halten. In seiner Haltung gegenüber der kommunistischen Bedrohung ist ihm jedenfalls ein exzellentes Zeugnis auszustellen. Diesbezüglich wird er in seiner Partei nur von dem 1950 zum Nationalhelden gewordenen, aber in den Augen einiger Partei-"Freunde" zu unbequemen Franz Olah überragt (und eventuell auch von Franz Kreuzer).

Was auch immer an den jetzigen Vorwürfen im Detail stimmen mag:
Tatsache ist, dass sich etwa Franz Vranitzky in der Wendezeit viel beschämender verhalten hat. Er war in vielen der schon wankenden Oststaaten einer der letzten westlichen Solidaritäts-Besucher, bevor sich dort Freiheit und Demokratie durchsetzten. Auf ähnlich blamable Weise hat der ÖGB lange nur die polnische Staatsgewerkschaft anerkannt, doch die von den Arbeitern selbst gegründete Solidarnosc ignoriert.

Aber wir haben unsere Geschichte bisher ja nur bis 1945 aufgearbeitet. Nicht jedoch die Epoche danach, als Frieden und Freiheit vom zweiten großen Totalitarismus bedroht waren. Offenbar passiert ehrliche Aufarbeitung immer erst dann, wenn die meisten Akteure schon tot sind. Oder wenn sie in irgendjemandes Intrigenspiel passt.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001