WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Ohne Kooperation gibt es keine Rettung - von Alexis Johann

Die Banken müssen Trittbrettfahrer künftig selbst bestrafen

Wien (OTS) - Das ehrlichste Statement zur Finanzkrise kommt von US-Finanzminister Timothy Geithner in der gestrigen Ausgabe des "Wall Street Journal": "Als Nation haben wir uns zu viel ausgeborgt, das Risiko in unverantwortliche Höhen getrieben. Den Schaden müssen nun normale Bürger und Unternehmer tragen, die stets vorsichtig waren. Und das ist fundamental unfair." Der einzige Weg, um aus der Krise herauszukommen, sei es nun, mit den Teilnehmern des freien Marktes zusammenzuarbeiten. Also mit jener Finanzindustrie zu kooperieren, die von Politik und Öffentlichkeit verteufelt wird. Geithner versucht so, das Undenkbare vorstellbar zu machen. Der Staat kauft den angeschlagenen Banken um eine halbe bis eine Billion Dollar jenen Schrott ab, den diese nicht mehr verkraften: Kredite mit geringer Wahrscheinlichkeit auf Bedienung.

Populär ist das nicht: Der Staat zahlt für Produkte, deren sicherer Gewinn bereits bei der Strukturierung verteilt wurde. Der unsichere Gewinn, Zinsen und Tilgung, bleibt den Steuerzahlern. Aber was ist der Preis für einen faulen Kredit? Die US-Regierung will dafür mit Hedgefonds und Private Equity-Firmen zusammenarbeiten. Nur dort, wo es einen Markt gibt, gibt es auch einen fairen Preis. Die US-Regierung hofft, dass die Öffentlichkeit zwischen den "Good Guys" (z. B. Hedgefonds) und Bad Guys (die alten Bankenkader) unterscheiden kann. Dieses Verständnis muss sich erst entwickeln, schließlich ist den Amerikanern bewusst, dass ein erfolgreicher Verkauf von Kreditpaketen Teile der Finanzindustrie zu Krisengewinnern macht.

Spieltheoretisch bereitet die US-Regierung die Bevölkerung auf die Strategie "Kooperation" vor. Das ist gegen den Wesenszug des sozial agierenden Menschen, der auf unkooperatives Verhalten (Banken trieben unverantwortlich riskante Geschäfte) Bestrafung als Reaktion wählen würde. Die Bestrafung brächte emotionale Erleichterung - aber eben auch das schlechteste ökonomische Resultat.

Bleibt zu hoffen, dass Politik und Bürger nun wider ihre Emotion handeln - und dass die Finanzindustrie im Sinne der Spieltheorie ebenfalls die Strategie "Kooperation" wählt. Denn sowohl die Entlastung der Bankbilanzen um faule Kredite als auch ein Markt für staatlich gesicherte Hypotheken bieten jede Menge Spielraum für Provisionen. Der Staat will künftig jene, die unfair handeln, aus dem Spiel ausschließen. Das kann nur gelingen, wenn die Finanzindustrie Trittbrettfahrer selbst bestraft - und deren Produkte meidet. Weil nur Kooperation den maximalen "Nutzenwert" garantiert.

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