Archiveinsturz - Was würde Wien verlieren?

Wien (OTS) - Der Einsturz des Kölner Stadtarchivs führte zum Verlust von Kulturgut ersten Ranges, das nicht zuletzt auch identitätsstiftend für die Stadt war und die Gesellschaft im Ganzen betrifft. Dieses Ereignis legt die Frage nahe, was eine derartige Katastrophe für Wien bedeuten würde.
Das Wiener Stadt- und Landesarchiv ist Teil des Gedächtnisses der Stadt und ihrer Gesellschaft. Es verwahrt unzählige Dokumente, die sich durch ihren Charakter als singuläre Einzelstücke (Unikate) von allen anderen Überlieferungen deutlich abheben: Urkunden, Akten, Handschriften, Karten, Pläne, Fotos, aber auch Druckschriften aus und über Wien. Die mehr als 43.000 Regalmeter an Beständen bieten auf vielfältige Weise Einsicht in neun Jahrhunderte Wiener Geschichte. Im Folgenden werden ein paar ausgewählte Schlaglichter auf die Bandbreite und Dimensionen des verwahrten Materials geworfen.

Zeugnisse von Persönlichkeiten internationalen Ranges

Als Residenzstadt von Kaisern, als Netzknoten eines Großreichs hatte Wien über Jahrhunderte eine herausragende Stellung im alten Österreich genauso wie als Bundeshauptstadt der Republik Österreich. Wien zog nicht zuletzt auf dieser Basis viele Menschen an, die ihre Spuren auch im schriftlichen Niederschlag der Stadtverwaltung hinterließen. Das Wiener Stadt- und Landesarchiv verwahrt die Gerichtsbestände der Gerichte mit Wirkungskreis Wien. Aus diesem Zusammenhang stammen zum Beispiel prominenten Archivdokumente in Form von Testamenten und Verlassenschaftsabhandlungen von Musikern wie Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms oder Strauß. Ein ganz besonderes Stück ist das Testament Ludwig van Beethovens, das er nur wenige Tage vor seinem Tod schrieb.

Eine andere Kostbarkeit stellen die Pläne Otto Wagners für die Wiener Stadtbahn dar. Sie werden unter den "Sammlungen" des Archivs verwahrt. Dieser umfassende Kartenbestand dokumentiert exemplarisch den architektonischen und künstlerischen Ausbau Wiens zur Millionenmetropole.

Es sind aber auch Einzelstücke aus dem umfassenden Bestand der Urkunden, die weltweit einzigartig sind: Hier ist insbesondere das Patent König Maximilians I. von 1506 zu nennen, welches überaus realistische Darstellungen bestimmter Fische bietet und singulär neben Albrecht Dürers zeitgleichem Feldhasen steht.

Rechtliche und wirtschaftliche Dimension

Der Verlust eines Stadtarchivs bedeutet nicht nur die Vernichtung von Kulturgut, sondern auch den Verlust von Rechtssicherheit. Das Wiener Stadt- und Landesarchiv ist zuallererst ein Behördenarchiv und verwahrt damit das Schriftgut der Wiener Stadtregierung und -verwaltung. Die Tätigkeit von Gemeinderat und Landtag wird archiviert und dokumentiert. Das Verwaltungshandeln muss für die Bürgerin und den Bürger nachvollziehbar sein. Das Archiv ermöglicht im Rahmen gesetzlicher Bestimmungen den demokratischen Zugang zu diesem Material. Neben den Akten des Magistrats sind es besonders die Gerichtsbestände, und hier insbesondere die Grundbuchsurkunden, aber auch Pflegschaftsakten und Verlassenschaftsabhandlungen, wie auch die Meldebestände des Archivs (ca. 100 Millionen Meldezettel), die häufig nachgefragt und im Rechtsleben benötigt werden. Das Archivieren dieser Bestände kommt in erster Linie den Wienerinnen und Wienern zugute. Weltweite Bedeutung haben all jene Bestände des Archivs, die Aufschluss über Rechtliches oder Familiäres der Vertriebenen und Ausgewanderten geben. So wurde auch der spektakuläre Fall der Restitution von Klimt-Bildern ("Goldene Adele" I und II sowie vier Landschaftsbilder) aus dem Nachlass von Adele Bloch-Bauer im wesentlichen auf der Basis von deren Testament entschieden, welches in seinem authentischen Exemplar im Wiener Stadt- und Landesarchiv verwahrt wird.

Stadt im Bild

Über Karten- und Planmaterial ist ab dem 16. Jahrhundert die Topographie im Wiener Raum in vielfältiger Hinsicht dokumentiert -von der Überblickskarte bis hin zur parzellenscharfen Aufnahme des Einzelobjekts. Das Stadtbild und seine Veränderung wird über diverse Fotobestände nachvollziehbar. Besonders zu nennen ist hier der Fotobestand Martin Gerlach, der unter anderem den kommunalen Wohnbau des international beachteten "Roten Wien" der Zwischenkriegszeit bildlich erfasst. Die Fotobestände beziehen sich in erster Linie auf die Stadt und ihre Bauten wie auch auf "besondere" Ereignisse der Stadtgeschichte. Im kunsthistorisch bedeutenden Bestand Ferdinand Schmutzer werden allerdings auch berühmte Personen und Personengruppen wie Einstein, Freud oder die Wiener Philharmoniker in der authentischen Abbildung der Nachwelt erhalten.

Stadtgeschichte und Identität

Nicht wenige Bestände decken Jahrhunderte an Stadtentwicklung ab: Hier ist vor allem der Bestand an Urkunden zu nennen, der mit einem Stück aus dem Jahr 1208 einsetzt, aber auch die Innungsbestände oder die Stadtrechnungen, die ab dem Jahr 1424 beginnen. Neben den städtischen Rechnungen werden auch die Kirchenrechnungen von St. Stephan beginnend um 1400 verwahrt. Damit wird das Alltagsleben in der Stadt und das Baugeschehen an der Hauptkirche fassbar.

Die Sozial- und Medizingeschichte der Stadt ab der Mitte des 13. Jahrhunderts ist ebenso über die Bestände des Wiener Stadt- und Landesarchivs dokumentiert: Beginnend mit den Archivalien zum Wiener Bürgerspitals, über die Versorgungshäuser bis hin zum AKH lässt das verwahrte Material in diesem Bereich einen Blick auf acht Jahrhunderte zu.

Eine Wiener Identität, ein Wir-Gefühl, wird ab dem Mittelalter ausschließlich über die archivischen Bestände fassbar: Es sei hier auf die mittelalterlichen Stadtsiegel, das erste im Original überlieferte Stadtrecht von 1296, das große Stadtrechtsbuch, genannt "Eisenbuch" (Eintragungen vom frühen 14. Jahrhundert bis ins frühe 19. Jahrhundert), das Wappenbuch des 17. Jahrhunderts, das immer noch in Gebrauch stehende Ehrenbürgerbuch aus dem 19. Jahrhundert oder das "Goldene Buch" - das Gästebuch der Stadt Wien - erwähnt.

Nutzung und Zugänglichkeit

Die Benützung des Archivs ist kostenfrei. Durch Bewertung, Neuübernahme, Erschließung aber auch Restaurierung von Beständen wird Wiener Stadtgeschichte ebenso wie Rechtsmaterien bewahrt und öffentlich zugänglich gemacht. Das Wiener Archivgesetz regelt die Benutzbarkeit der einzelnen Bestände.

rk-Fotoservice: www.wien.gv.at/ma53/rkfoto/

(Schluss) son

Rückfragen & Kontakt:

PID-Rathauskorrespondenz:
www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Dr. Christoph Sonnlechner, MAS
Magistratsabteilung 8
Wiener Stadt- und Landesarchiv
Telefon: 01 4000-84832
E-Mail: christoph.sonnlechner@wien.gv.at
www.archiv.wien.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRK0016