"DER STANDARD"-Kommentar: "Das normale Autoritäre im Fall F." von Petra Stuiber

Österreich ist trotz allem kein notorisches Nazi-Land - es hat andere Probleme - Ausgabe vom 19.3.2009

Wien (OTS) - "Sollen wir versuchen, Josef F. zu verstehen, um
etwas aus dem Fall Amstetten zu lernen?" lautete der Titel einer BBC-Radio-Talkshow Dienstagabend. Die Meinungen gingen zunächst weit auseinander, bis eine Anruferin aus London sinngemäß sagte: Man müsse vor allem verstehen, dass die Verbrechen von Amstetten nur auf Basis der Nazi-Vergangenheit Österreichs passieren konnten. Für den Rest der Talkshow diskutierten die Teilnehmer dann nichts anderes mehr. So bleibt vom Prozess gegen Josef F. eine Konstante: die (Über-)Strapazierung negativer Stereotype über Österreich. Behörden und Effekthascher halfen zum Teil tatkräftig mit - und standen dann hilf- und fassungslos vor den Auswirkungen. Dass die St. Pöltner Behörden zuließen, dass vor dem Gerichtsgebäude fragwürdige "Performances" mit Plastikblut-verschmierten Babypuppen aufgeführt wurden, war auch nicht eben hilfreich.
"Immer wieder Nazi-Vergangenheit" titelte die Presse im Zuge des Prozesses gegen F. ein wenig entnervt. Tatsächlich machten es sich die internationalen Medien - und hier nicht nur der "Boulevard" - mit diesem "Jahrhundert-Verbrechen" leicht: Der stete Hinweis auf das "Nazi-Land" insinuiert: "Das könnte bei uns nicht passieren" - was nachweislich falsch ist. Die Stilisierung des Angeklagten zum "Monster" erleichtert die Einordnung in die Schublade:
"Außerordentlich böse, außerordentlich unnormal, hat auch nichts mit uns zu tun" - was genauso wenig den Punkt trifft.
Es war gerade die außerordentliche Normalität dieses angesehenen Amstettner Geschäftsmannes, die erst möglich machte, dass seine Taten so lange unentdeckt blieben. Josef F. ist beileibe nicht der einzige Patriarch in Österreich, in Europa, in der gesamten zivilisierten Welt, der seine Familie zum Zittern brachte, der seine Kinder verstummen ließ und seine Ehefrau dominierte und demütigte. Und Amstetten ist ganz sicher nicht die einzige Kleinstadt der westlichen Hemisphäre, in der so etwas nicht weiter auffiel. Ob man es nun der katholischen Kirche, einer verspäteten Aufklärung oder zu zaghaft agierenden 68ern in die Schuhe schiebt: Autoritäre Familienstrukturen wurden von allen Teilen der österreichischen Gesellschaft erst sehr spät infrage gestellt und aufgebrochen. Das zeigt auch die ewige -und ewig fruchtlose - Debatte um die Gleichstellung der Frauen am Arbeitsmarkt. Dieses konservative, teils reaktionäre Familienbild schlug auch auf die Jugendbehörden durch, die sich jahrelang weigerten, F.s Tochter als Opfer eines gewalttätigen Tyrannen wahrzunehmen - und entsprechend zu handeln, bevor diese für 24 Jahre in einem modrigen Keller verschwand.
Das alles passierte im Österreich der 80er-Jahre. Viel hat sich seither verändert: Polizei, Jugendämter und Familienrichter schauen mittlerweile sehr genau, welche Geschichte (oder welches Leid) in vermeintlich "aufsässigen" Kindern steckt. Auch die Justiz hat -nicht zuletzt im Schock der Ereignisse von Amstetten - viel überdacht und neu geordnet: Die Strafrahmen für sexuellen Missbrauch wurden erhöht, das Gewaltschutzpaket, das 2008 verabschiedet wurde, ist ein Meilenstein.
Noch immer nicht besonders gut sind Österreichs amtliche Autoritäten darin, Fehler einzugestehen: Bis heute gibt es keine offizielle Entschuldigung von Bezirksbehörden und Polizei dafür, wie sorglos nach der Aufdeckung der Verbrechen von Amstetten drauflos geplaudert wurde. Bis heute tut man sich schwer einzugestehen, dass wohl irgendwann in diesem jahrzehntelangen Martyrium auch behördliche Fehler passiert sein müssen.
Hier wäre mehr Offensive und mehr Mut zu Transparenz und Reform dringend notwendig.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001