"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ein Prozess in zwei Welten: eine drinnen, die andere heraußen" (Von Doris Piringer)

Ausgabe vom 17.03.2009

Graz (OTS) - In der Welt oben hat der angesehene Bürger Josef F. mit seiner offiziellen Familie gelebt, unten im Keller siechten seine Schattenkinder dahin. Seltsam, auch dieser Prozess spiegelt zwei Welten wider, nicht oben und unten, sondern drinnen und draußen:
Draußen, vor dem Gericht, die riesigen Ohren der vielen Fernsehstationen und hektische Journalisten aus aller Welt, die jede Neuigkeit augenblicklich an ihr Publikum weiterleiten. Das Teilgeständnis von Josef F. war dem weltweiten Nachrichtensender CNN sogar eine "breaking news"-Story wert. Wie Terroranschläge oder der Ausbruch eines Krieges.

Drinnen im Gerichtssaal Totenstille. Nur das Kratzen der Kugelschreiber ist zu hören oder das Umblättern eines Papierblocks, wenn Josef F. über die Tiefen seines Leben spricht. "Für meine Mutter war ich der Satan", hat er zum Beispiel gesagt, wohl wissend, dass dieser Satz in allen Medien zu lesen sein wird. Der Begriff Satan in diesem Zusammenhang findet immer Resonanz, vor allem dann, wenn es der Angeklagte selbst sagt.

Draußen wiederum Szenen, die ausländische Journalisten in völlige Ratlosigkeit fallen lassen: Irgendwelche eigenartige Menschen durften laut schreien, dass "Josef F. seinen Traum gelebt" hätte und diese Tat nur die Spitze eines Eisberges sei. Ein Mann hielt ein großes Kreuz in die Höhe, auf das Stoffpuppen gebunden waren. "Das ist das Irrste, was ich je gesehen habe", staunt ein Journalist aus Deutschland.

Drinnen wiederum hält sich Josef F. eine Aktenmappe minutenlang vor das Gesicht und skurriler könnte diese Szene nicht sein: Ein ORF-Reporter stellt vor Prozessbeginn dem Angeklagten Fragen über Fragen und hält ihm brav das Mikrophon vor die Mappe. Keine Silbe kommt zurück. Dann versucht der Kameramann durch einen winzigen Schlitz im Aktenordner das Gesicht des Angeklagten zu erhaschen -vergeblich. Ein Psychiater attestiert draußen im Pressezelt, dass dieses Verstecken eine hohe Symbolik in sich trage: Die Mappe wäre für Josef F. wie eine Mauer, ähnlich wie bei seinen Straftaten.

Und dann noch St. Pölten. Geradezu rührend ist die Stadt um die Journalisten bemüht. Gestern abend gab es einen Empfang ("come together") beim Bürgermeister, heute wird zu einer Stadtrundfahrt geladen und morgen werden die Mussen besichtigt. Letzter Programmpunkt am Freitag - das Urteil. Nicht im Rathaus, sondern im Gericht.

Das zumindest erinnert noch an einen "normalen" Strafprozess. Aber was ist schon normal an dieser Causa Josef F.?****

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