Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Recht und Eitelkeit"

Ausgabe vom 17. März 2009

Wien (OTS) - Deutsche Medien sind empört. Zum zweiten Mal schon wurden ihnen spektakuläre Bilder aus österreichischen Gerichten vorenthalten. Zuerst vom Blitz-Verfahren gegen den abwesenden Ministerpräsidenten Thüringens. Und nun vom Prozess gegen das Ungeheuer von Amstetten, das die Frechheit hatte, sein Gesicht zu verbergen.

Unser Mitleid mit den Kollegen hält sich in Grenzen. Wir wissen zwar, dass in jedem von uns ein Voyeur sitzt, der die Miene eines so üblen Täters sehen will, wenn dieser vor seine Richter treten muss. Dennoch darf der Gerichtssaal kein Zirkus zur Schaustellung von Monstern sein. Dort geht es - bei allem persönlichen Abscheu über die inkriminierten Taten - um die nüchterne Abwägung zwischen den beweisbaren Fakten und dem Gesetz sowie um gerechte Strafen. Und so wie wir zu Recht auch mehrfachen Mördern nicht durch die Todesstrafe Gleiches mit Gleichem vergelten, so sollten wir die in letzter Zeit in viele Gerichte eingedrungenen Kameras wieder hinauswerfen.

Hinter dieser Forderung steht nicht falsches Mitleid mit Abscheu erregenden Tätern, sondern die Sorge um die Würde der Justiz und der Gerichte. Dort wo der Staat seinen Bürgern mit äußerster Konsequenz gegenübertritt, muss er sich selbst bis ins Detail äußerst korrekt verhalten. Daher sollte es vor Gericht weder Richter in Schlapfen unter der Robe geben noch geile Kameras, die in Wahrheit vor allem deshalb zugelassen werden, weil es der Eitelkeit der handelnden Juristen dient. Und weil es manchen von diesen bisweilen sogar Karrieren außerhalb des Gerichtssaals öffnet.

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Apropos gefährliche Eitelkeit: Es ist kein Zufall, dass der Sozialminister und ehemalige ÖGB-Chef genau in dem Moment auf Distanz zur Unterrichtsministerin geht, da bekannt wird, dass Claudia Schmied der Republik Make-up-Kosten in insgesamt vierstelliger Euro-Höhe verrechnet hat. Da dieser Griff in die Staatskasse über eines der Organe der vor der nächsten Wahl zitternden Rathaus-SPÖ in die Öffentlichkeit getragen worden ist, kann man der Ministerin nur noch eine kurze Halbwertszeit geben. ÖGB und Wiener SPÖ gleichzeitig als Feinde: Das ist zu viel der Ehre.

Zu wenig der Klugheit ist es jedoch, bei sich selbst großzügig zu sein, wenn man andere zu schröpfen versucht.

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