"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Nebelgranate" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 10. März 2009

Innsbruck (OTS) - Man kann getrost davon ausgehen, dass sich Österreichs Bischöfe dieser Tage nicht nur über das Paulus-Jahr und den Stand der "Gotteslob"-Überarbeitung austauschen. Aber nicht die Bischöfe haben kurzfristig "Allfälliges" auf die Tagesordnung ihrer Sitzung in Innsbruck reklamiert.
Am Samstag berichtete das römisch-katholische Nachrichtenportal kath.net laut eigenen (eindeutig falschen) Angaben exklusiv: Der Ungenacher Pfarrer Josef Friedl - überregional bekannt seit seinem Einsatz für Arigona Zogaj - hat seit Jahren eine Lebensgefährtin und spricht auch ehrlich darüber, wenn man ihn fragt. Zwar wissen Leserinnen und Leser der Wiener Stadtzeitung Der Falter das schon seit Monaten und die Ungenacher seit Jahren, aber unmittelbar vor der Bischofskonferenz bekommt die gut abgehangene Nachricht neue Schärfe. Plötzlich füllen sich (Print-)Medien und Internetforen mit erregten Diskussionen über Sinn und Unsinn des Pflichtzölibats.
Damit wird die aktuelle Kirchenkrise vorsätzlich auf eine Debatte über die Doppelbödigkeit katholischer Sexualmoral reduziert. Natürlich ist das Thema wichtig, weil es das innerste Sein des Menschen berührt. Der Zölibat aber ist lediglich ein Teilbereich der Sexualmoral und angesichts des Richtungsstreits in der Kirche nur eine Randnotiz, die noch dazu bloß einen kleinen Teil der Katholiken, nämlich Priester und Ordensleute sowie deren Partnerinnen und Partner, betrifft.
Als Nebelgranate zur Verschleierung des Blicks auf die eigentlichen Fronten eignet sich der Zölibat allerdings hervorragend: Der Linzer Bischof Ludwig Schwarz geriet mit der bitteren Kontroverse um Doch-nicht-Bischof Wagner ins Visier der bestens organisierten und unbeirrbaren Rechten in der Kirche. Bisher hat Schwarz den klaren Gesetzesverstoß seines Untergebenen Friedl offenbar geflissentlich übersehen; jetzt bleibt ihm nichts übrig, als Friedl zu einer Entscheidung zu zwingen - für sein Amt. Oder für seine Frau.

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