"Die Presse" Leitartikel: "Priester und die Frauen: Leben mit der Lüge", von Dietmar Neuwirth

Die Presse, Ausgabe 10. März 2009

Wien (OTS) - Zogaj-Pfarrer Friedl bekennt sich zu seiner
Partnerin. Damit beendet er eine Lüge. Und vielleicht sein Amt.

Der exklusiven Männerrunde, die sich seit gestern in Innsbruck versammelt, bleibt wirklich nichts erspart. Eine neue öffentliche Diskussion über Sinn oder Unsinn der Pflicht zum ehelosen Leben für Priester ist so ziemlich das Vorletzte, was sich die Bischöfe für den Beginn ihrer Frühjahrstagung gewünscht haben werden. Jetzt hat sie ihnen Pfarrer Josef Friedl aufgedrängt. Jener Priester, der es durch sein Kirchenasyl für die von der Abschiebung bedrohte junge Kosovarin Arigona Zogaj bundesweit zu einiger Bekanntheit gebracht hat.

Die innerösterreichischen Aufregungen um die Bestellung des erzkonservativen Pfarrers Gerhard Maria Wagner zum Weihbischof für Oberösterreich im Jänner und dessen jüngsten "freiwilligen" Verzicht sind noch nicht vergessen. Vergessen noch nicht die weltweite Empörung über die Hand, die Papst Benedikt XVI. einer, nun ja, zumindest höchst problematischen Priesterbruderschaft entgegengestreckt hat. Einer Vereinigung, deren Mitglieder sich so kleine Eigenheiten wie das Negieren der (für alle anderen ungefähr 1,2 Milliarden Katholiken rund um den Globus bindenden) Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils erlauben. Vom Negieren des Holocaust durch einen ihrer abgesetzten Bischöfe ganz zu schweigen.

Jetzt hat ein kleiner Landpfarrer öffentlich das bekannt, was im Ort selbst längst eine Selbstverständlichkeit war: Er lebt nicht allein. Er lebt mit einer Frau. Nicht mit einer Köchin. Nicht mit einer Wäscherin. Mit einer Partnerin. Ungemach aus Ungenach also für Österreichs Bischöfe. Wo das Dorf liegt? Erraten: in Oberösterreich. Langsam könnte sich für schreckhafte Kurienkardinäle in Rom tatsächlich der Eindruck verfestigen, dass die Diözese Linz mit harter Hand auf den rechten Kurs zurückgeführt werden müsse.

Man kann die Sache so sehen: Endlich bekennt sich ein Priester auch öffentlich zu seiner Partnerin, von der der ganze Ort ohnedies weiß. Hochachtung! Oder so: Erst jetzt, mit 66 Jahren, im Pensionsalter also, wenn ihm die Kirchenleitung nicht mehr allzu viel anhaben kann, wird er mutig und beendet eine Lebenslüge. Immerhin war Friedl dereinst wohl bewusst, wozu er sich mit seiner Weihe zum Priester der katholischen Kirche verpflichtet, zur Einhaltung des Zölibats nämlich. Hätte Friedl einige Jahre früher seine öffentliche Beichte gewagt, wäre der Weg vorgezeichnet gewesen. Sein Ortsbischof hätte dann keine andere Wahl gehabt, als ihn aus seiner Pfarre abzuziehen. Bei einigem guten Willen findet sich auch für "gefallene" Priester in irgendeinem Winkel der Diözese eine Beschäftigung als Erzieher oder Ähnliches. Er darf dann alles Mögliche sein, auch ein glücklicher Mann in einer befriedigenden Beziehung, nur eines eben nicht:
Priester. Dabei gibt es natürlich Priester, die wie eben Friedl bis zu dessen Outing mehr oder weniger heimlich mit einer Frau in einer Partnerschaft leben. Das sind keine Einzelfälle. Offizielle Statistiken darüber existieren selbstredend nicht. Aber Schätzungen, die auf einer Befragung von Priestern aus dem Jahr 2000 beruhen. Denen zufolge leben in Österreich immerhin bis zu 22 Prozent der Priester in "wilder Ehe".

Nun kann man auch hier die Sache so sehen: Acht von zehn Klerikern gelingt es, das Ideal der Ehelosigkeit auch heute zu leben. Auch heute deshalb, weil Bindungen, wie an der Zahl der Ehescheidungen leicht feststellbar ist, einen mittlerweile sehr relativen Wert genießen. Dennoch wäre es Selbstbetrug zu leugnen, dass dieses über Jahrhunderte hochgehaltene Ideal der katholischen Kirche von allen Seiten ausgehöhlt erscheint. Nicht nur durch die vielen Priester, die ihr Versprechen bei der Weihe nicht einlösen können, auch durch die Praxis - vor allem in Wien unter Kardinal Christoph Schönborn -, griechisch-katholische Kleriker oder konvertierte frühere Protestanten als Priester zu holen, die verheiratet sind und Kinder haben - alles kirchenrechtlich ganz legal. Und für viele einfache Laien, die mit großer Mehrheit gegen den Zölibat sind, ganz und gar unverständlich. Es wäre nicht wenig übertrieben zu sagen, mit der Abschaffung des Zölibats könnten alle Probleme der katholischen Kirche gelöst sein. Nicht selten würde an die Stelle der Lebenslüge, den Zölibat einzuhalten, eine andere Lebenslüge treten: eine Ehe tatsächlich auch nach katholischem Verständnis zu führen.

Und was wäre gar mit Priestern, deren Ehe scheitert? Die sich womöglich scheiden lassen? Gerade für eine auf Barmherzigkeit basierende Glaubensgemeinschaft hätte wohl zu gelten: Es muss auch ein Leben nach dem Scheitern geben.

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