Kapellari: "Streitfragen rauben der Kirche Kraft für Wichtigeres"

Grazer Bischof betont vor steirischem Diözesanrat Notwendigkeit kirchlicher Stabilität in Zeiten gesellschaftlicher Instabilität -Trotz Turbulenzen in jüngster Zeit hat Kirche "große Ressourcen an Fantasie für das Gute" und auch an Umsetzungskraft

Graz, 9.3.09 (KAP) Die Kirche ist in Gefahr, sich zu sehr mit sich selbst "und da vor allem mit Streitfragen zu befassen". Dadurch gehe aber viel Kraft für das Wichtigste verloren, "nämlich die Verbindung mit Gott und mit jenen Menschen, die uns besonders brauchen", sagte der Grazer Bischof Egon Kapellari am Wochenende bei der Vollversammlung des steirischen Diözesanrates im Bildungshaus Mariatrost. Zuletzt hätten die Auseinandersetzungen mit den Lefebvrianern und die revidierte Weihbischofsernennung in der Diözese Linz "viel Kraft und Zeit in Anspruch genommen". Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Instabilität wäre es nach den Worten Kapellaris "aber wichtig, dass die Kirche stabil ist, um besser helfen zu können".

Die Weltwirtschaftskrise habe Österreich schon in Mitleidenschaft gezogen, so der Grazer Bischof: "In dieser Situation ist auch die Kirche angefragt, ob und wie sie Menschen helfen kann, nicht in Depression oder Panik zu verfallen, sondern in Solidarität und Kreativität neue Wege aus dieser Krise zu suchen". Die Kirche habe "große Ressourcen an Fantasie für das Gute" und an Umsetzungskraft. Dies zeige sich "weltweit jeden Tag millionenfach", werde in der öffentlichen Meinung jedoch oft übersehen.

Die jüngsten kirchlichen Turbulenzen hätten dazu geführt, dass einiges "für eine Klärung und für die Öffnung des Weges zu einem neuen Miteinander" getan worden sei - sowohl in Rom wie in Linz. "Diese vorläufige Entstörung erspart uns aber nicht ein intensiveres Nachdenken über den weiteren Weg", betonte Kapellari. In welche Richtung dies gehen sollte, skizzierte der Bischof anhand von einigen "Fragmenten einer Antwort": Er forderte zuallererst ein "tieferes Eintauchen in das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes durch Beten und Denken", ohne das die Christen "den auseinandertreibenden Kräften nicht widerstehen können".

Es gelte aber auch zu verstehen, "was die Kirche in ihrem Tiefsten eigentlich ist": nämlich nicht bloß eine gut oder weniger gut funktionierende Organisation, ein Dienstleistungsbetrieb, "sondern zutiefst ein Mysterium, ein Ursakrament". Von Gott geliebt, sei die "trotz ihrer Wunden immer wieder liebenswert und schön", so Kapellari wörtlich. Und sie stehe "sakramental unverzichtbar" auf dem Fundament der Apostel und ihrer Nachfolger mit dem Papst an der Spitze.

Das Netz der Seelsorge ist dicht

Freilich sei die Kirchengeschichte "in keiner Epoche nur eine Erfolgsgeschichte" gewesen, sagte der Bischof, sie pendle zwischen Erfolg und Bedrängnis, ja Scheitern. Gott schreibe aber "auch auf krummen Zeilen gerade". Angesichts dessen und gemessen an der Kraft und dem Leidensmut unzähliger Heiliger wie Edith Stein oder Mutter Teresa erschein" die Wehleidigkeit nicht weniger Katholiken von heute als kläglich". Kapellari rief dazu auf, den Blick nicht nur auf das zu richten, "was wir als Kirche wirklich oder angeblich falsch machen". Es gebe doch "so ungemein vieles, das in der Kirche, auch in der Diözese Graz-Seckau in Gottes und Christi Namen an Gutem gelingt und das auch unzähligen Menschen außerhalb der Kirche hilft". Kapellari erwähnte die gerade auch von Katholiken getragene Spendenfreudigkeit der Österreicher, die den finanziellen Einsatz der Bundesregierung für die Armutszonen der Welt bei weitem übertreffe.

Als Positivum zeichnete Kapellari auch das trotz des herrschenden Priestermangels engmaschige "Netz kooperativer Seelsorge" in der steirischen katholischen Kirche, "das dichter geflochten ist als jemals vorher": Getragen werde es von derzeit 365 Priestern im aktiven Dienst, 114 zusätzlich helfenden Priestern im Ruhestand, 146 hauptamtlichen Pastoralassistenten und 170 in Pfarrsekretärinnen und -sekretären, von 68 ständigen Diakonen, 30 Alumnen im Grazer Priesterseminar und vielen Ordensleuten sowie durch zirka 35.000 ehrenamtlich tätige Frauen und Männer. Es sei zu "eindimensional", sich auf die Frage zu fixieren, ob die Pfarre einen Priester am Ort haben kann. Angesichts des Priestermangels auf veränderte Zulassungsbedingungen zum Weiheamt zu drängen, werde oft der "Komplexität dieser Frage" nicht gerecht.

In Treue zur eigenen Diözese und ebenso zur Weltkirche bräuchten die Bischöfe ein hohes Maß an Integrationskraft "und sind dabei besonders auf die Hilfe jener Glaubenden angewiesen, die bereit sind, das Ganze der Situation zu sehen und zu beurteilen und der Kirche Zerreißproben zu ersparen". Solche Katholiken gibt es laut Bischof Kapellari "in nicht kleiner Zahl. Sie sind aber im Kontext der öffentlichen Meinung oft unnötig leise". (forts.)
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