"Die Presse"-Leitartikel: Behübschte rote Ruine, von Karl Ettinger

Ausgabe vom 3. März 2009

Wien (OTS) - Ob Burgstaller oder Faymann: Oberflächliche SPÖ-Lächler allein beeindrucken verängstigte Wähler nicht.

Ein fescher Schwiegersohn-Prototyp als Bundeskanzler ist noch kein Garant dafür, dass der Wählerschwund der Sozialdemokraten in Bund und Ländern gestoppt wird. Nach dem Absturz der Faymann-SPÖ bei der Nationalratswahl ging nun die Serie der roten Wahlschlappen in Kärnten und Salzburg weiter. Das hätt der Gusenbauer auch noch zusammengebracht! Wunder wär's keines, wenn Faymann angesichts der anhaltenden SPÖ-Auflösungserscheinungen sein Lächeln ausnahmsweise vergeht: Denn die einstige rote Hochburg Kärnten gleicht mittlerweile einem Trümmerhaufen, in Salzburg hatte die ebenfalls arg zerzauste Gabi Burgstaller das Glück, dass ihr wegen des Fehlens eines zugkräftigen schwarzen Herausforderers zumindest Platz eins erhalten geblieben ist.
Kärnten mag die Bundes-SPÖ noch als Sonderfall abtun: Gegen den Mythos des verunglückten Landeshauptmannes Jörg Haider hätte sich die SPÖ auch dann schwergetan, wenn statt des roten Apparatschiks Reinhart Rohr Gaby Schaunig angetreten wäre und nicht schon im Vorjahr entnervt das Handtuch geworfen hätte.
Aber die Watsch'n der Salzburger für Burgstaller? Die ist mit fast minus sechs Prozentpunkten so schmerzhaft, dass sie auch in der Bundespartei noch zu spüren ist. Schließlich galt gerade Burgstaller nach ihrem Wahltriumph 2004 als erste rote Landeshauptfrau doch die längste Zeit über als größte Hoffnung auch für die Bundespartei und publikumswirksame rote Faserschmeichlerin schlechthin.

Was Faymann vor allem schlaflose Nächte bereiten muss, ist der Umstand, dass in Salzburg genau jenes simple Politikmodell entzaubert worden ist, wonach der Einsatz einer roten Charmebombe schon für einen Wahlerfolg genügt. Gabi Burgstaller mag im Umgang mit den Menschen ihre Meriten haben, und sie hat mit ihrem Bonus die SPÖ vor einem Absturz auf das Tiefstniveau der Kärntner Genossen verhindert. Aber gerade die Blamage für die SPÖ in Burgstallers Heimat Hallein zeigt: Viele, viele Bürger lassen sich in wirtschaftlichen Krisenzeiten, in denen ganz (M-)real auf einen Schlag Hunderte ihren Arbeitsplatz verlieren und Tausende um ihren Job zittern, längst nicht mehr vom warmen Händedruck einer noch so leutseligen Spitzenkandidatin beeindrucken. Umsonst ist Burgstaller nicht laut Analysen ein Drittel ihrer Wähler aus dem Jahr 2004 nun wieder davongelaufen, ein beträchtlicher Teil davon direkt zu den Freiheitlichen.
In Kärnten war das orange BZÖ samt dem früheren Arbeiterkind und jetzigen Landeshauptmann Gerhard Dörfler für zigtausende Wähler glaubwürdiger und attraktiver als die einstige Arbeiterpartei SPÖ. Kein Wunder: Während die Karawanken-Roten die Ärmel hauptsächlich bei internen Ringkämpfen aufgekrempelt haben, ließen Haider und seine orangen Epigonen seit Jahren und schon lange vor der jetzigen Wirtschaftskrise Geld - teils bar auf die Hand - für den "kleinen Mann" springen.

So gesehen muss Werner Faymann jetzt erst recht zittern. Denn wenn im Februar die Zahl der Arbeitslosen die 300.000-Grenze durchstoßen hat, helfen auch keine boulevardesken Schönschreiber und Alibi-PR-Aktionen mehr. Die "Solidaritätspapierrolle" für die Beschäftigten der Halleiner Papierfabrik mit Faymanns Unterschrift von Anfang Jänner taugt ja nicht einmal für das stille Örtchen.
In SPÖ-Oppositionszeiten während Schwarz-Blau mögen gutgläubige Bürger auf so billige Wahlkampfschmähs noch hereingefallen sein, wie die damalige rote Siegesserie in den Ländern zeigt. Das Vertrauen der roten Stammklientel in die SPÖ wurde aber mit dem Gusenbauer-Intermezzo im Kanzleramt verspielt. Viele trauen auch Nachfolger Faymann nicht, gerade weil Rot-Schwarz jetzt milliardenschwere Konjunkturpakete gegen die Krise schnürt. Vielleicht sollte der Kanzler den Österreichern bei Gelegenheit sagen, wer das alles einmal zahlt. Oder kommt am Ende gar wie bei den Lehrern als "Solidarbeitrag" die Verlängerung der Wochenarbeitszeit um zwei Stunden für alle?
Streichelbedürftige Parteifunktionäre mag Schmusekanzler Faymann eingelullt haben. Bürger, die existenzielle Sorgen haben, lassen sich hingegen immer weniger davon beeindrucken. Egal, ob Burgstaller, Faymann oder die SPÖ-Zentrale mit "Jungstar" Laura Rudas: Eine nach außen behübschte rote Ruine ist auf Dauer noch kein neuer Anziehungspunkt. Fragt sich nur, wann in der SPÖ das "übliche Gesudere" darüber offen losgeht.

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