WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Das nächste Alarmsignal der Immofinanz - von Alexis Johann

Offenbar traut sich niemand die Wahrheit zu sagen

Wien (OTS) - "Das System Petrikovics ist vorbei, wir wollen den völligen Neuanfang." Mit diesen Worten wollte Neo-Immofinanz-Chef Thomas Kleibl im Dezember verlorenes Vertrauen der Anleger zurückgewinnen. Drei Monate später ist klar, dass dieser Versuch kläglich gescheitert ist. Kleibl ist ohne Angabe nachvollziehbarer Gründe bereits Geschichte, an den Baustellen wurde kaum gearbeitet, die jüngst geworfenen Nebelgranaten machen die Sicht auf die Lage schwerer als je zuvor. Die Immofinanz verkauft ihrer vollkonsolidierten Tochter Immoeast alle österreichischen Flächen, Gebäude und Wohnungen (Immoaustria). Was Immofinanz bleibt, ist ein mageres Häufchen in Deutschland, nämlich 125 Objekte mit 46 Milllionen Euro Umsatz, die heuer gewaltig unter Druck kommen dürften. Immoeast dagegen verwaltet nun 90 Prozent des gesamten Immobilienbestandes des Gruppe. Klar ist, dass diese Konstruktion, Holding mit Wurmfortsatz, wenig Sinn macht. Einen Alternativvorschlag, etwa die Fusion der beiden Gesellschaften, legt aber niemand auf den Tisch.

Der Kaufpreis für die Immoaustria beträgt 1,4 Milliarden Euro. Im Dezember wollte Kleibl Gebäude verkaufen, im letzten Halbjahresbericht standen diese Gebäude noch mit vier Milliarden Euro in den Büchern. Klar ist es schwer, in solchen Zeiten Käufer zu finden. Insofern ist die Lösung, mit dem Verkauf einen Teil der 1,8 Milliarden Euro Schulden zu tilgen, die Immofinanz seit Juli 2005 bei ihrer Tochter angehäuft hat, nicht so blöd. Eine Bilanzverkürzung. Dennoch muss so ein Deal zu nachvollziehbaren Konditionen erfolgen, was aber nicht geschieht. Im Gegenteil: Gestern war von einer Dividendenverbindlichkeit zwischen Immoeast und Immofinanz die Rede, die in den Kaufpreis einfließt. Der Informationsstand jener, die nicht im Aufsichtsrat oder im Vorstand der Gesellschaften sitzen ist aber der, dass alle Dividenden gestrichen wurden.

Deutlich ist seit gestern dagegen, dass ein Teil der Anlegergelder schlicht und einfach verprasst und verzockt wurde. Jene 1,78 Milliarden Euro, die sich Immofinanz seit 2005 von Immoeast geborgt hatte, waren offiziell für Immobilienkäufe reserviert. Doch anstatt Kredite zu tilgen, verwendete Immofinanz Liquidität dafür, Aktien der Immoeast zu kaufen, die nun ein Zehntel des Kaufpreises wert sind. Also auch vermutlich dafür, Provisionen an Günstlinge und Vertrieb auszuzahlen. Das traut sich allerdings niemand vom neuen Management auszusprechen. Die Angst vor der Wahrheit dürfte also der eigentliche Grund sein, warum die Sicht weiterhin vernebelt wird. Für Aktionäre ist das erneut ein Alarmsignal.

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