Wann, wenn nicht jetzt: Lehrer, arbeitet mehr!

"Die Presse" Leitartikel, 26.02.2009, von Erich WITZMANN

Wien (OTS) - Zwei Stunden länger in der Klasse: Ministerin Claudia Schmied will dies in einem Kraftakt durchsetzen.

Claudia Schmied traut sich etwas. Österreichs Lehrer sollen künftig statt 20 ganze 22 Stunden pro Woche in der Klasse stehen. Wann, wenn nicht jetzt, lautet die Devise der SPÖ-Ministerin. Wann, wenn nicht in einer Wirtschafts- und Budgetkrise kann man von fix angestellten Staatsdienern ein größeres Engagement verlangen? Das neue "Lehrerpaket" soll mit dem Budgetgesetz 2009/10 daherkommen.

Frühere Unterrichtsminister haben sich bei anvisierten Sparversuchen eine blutige Nase geholt. So musste auch der seinerzeitige Ressortchef Erhard Busek, der wohl sicherlich kein Leichtgewicht war, die geplante Kürzung der Schulstunden von 50 auf 45 Minuten zurückziehen, obwohl dies schon mit SPÖ-Finanzminister Lacina akkordiert war. Seine Nachfolgerin Elisabeth Gehrer, wie Busek von der ÖVP, hat schon bei kleineren Änderungen massive Demons-trationen und Lehrerstreiks provoziert. Und ist zur Buhfrau der Nation geworden.

Zwei Stunden mehr Unterricht pro Woche heißt drei oder vier Stunden mehr Arbeit pro Woche. Denn auf eine Unterrichtsstunde kommt nach bisheriger Rechnung eine Vorbereitungsstunde. Eine 44-Stunden-Woche ist nicht gut möglich, trotz der fast vier Monate Ferien. Also sollen, sagt Claudia Schmied, die zusätzlichen Unterrichtsstunden in der bestehenden 40-Stunden-Woche untergebracht werden. Wie dies möglich ist? Hier hat die Unterrichtsministerin noch einigen Erklärungsbedarf.

Die Ministerin ist freilich gewieft genug, nicht allein mit ihrer Sparmaßnahme vorzupreschen. Diese Maßnahme sei mit dem Bundeskanzler und dem Vizekanzler abgestimmt, also mit den Parteichefs von SPÖ und ÖVP. Sagt sie. Allerdings: Im Finanzministerium von Vize-kanzler Pröll wusste man am Mittwoch noch nichts davon, in Prölls Namen wird dessen Zusage sogar dementiert. Vermutlich dürfte Pröll die zusätzlichen Stunden nicht befürwortet, aber auch nicht ausdrücklich abgelehnt haben.

Claudia Schmied dürfte extrem hoch pokern, auch um von ihrer Schulpolitik keine Abstriche machen zu müssen. Ihr Credo: keine Kürzung des Schulangebots, keine größeren Schulklassen, keine größeren Teilungsziffern beim Fremdsprachenunterricht, kein Stopp beim Schulbau und vor allem keine Einschränkung bei dem (von der ÖVP ungeliebten) Schulversuch Neue Mittelschule. Den Schwarzen Peter will Schmied der ÖVP zuspielen. Denn erstens ist es deren Parteichef, der als Finanzminister auf Einsparungen drängt. Er könnte ja genauso gut ausreichende Budgetmittel für den Schulbereich zur Verfügung stellen. Zweitens ist die Lehrerschaft zu einem guten Teil ÖVP-Klientel. Also wird auch hier Josef Pröll in die Defensive geraten.

Die parteipolitische Sache ist die eine, die pädagogische Perspektive eine andere Seite. Für die Schüler und in der Unterrichtszeit soll sich nichts ändern. Außer, dass die Lehrervertreter auf eine gewisse Überforderung hinweisen werden. Man wird sich für die einzelne Stunde nicht mehr genauso gewissenhaft vorbereiten können, es wird zwangsläufig zu Defiziten bei der Unterrichtsqualität kommen, wird wohl eines ihrer Argumente lauten. Ein anderes zielt auf die Durchmischung des Berufsstandes ab: Man wird einige tausend Dienstposten abbauen müssen und pensionsbedingte Abgänge nicht mehr ersetzen. Man wird wohl auch auf jene Junglehrer, die derzeit mittels Einjahresverträgen angestellt sind, verzichten. Das bedeutet stellenlose Junglehrer und gleichzeitig eine Überalterung des Lehrkörpers.

Und die Zumutbarkeit? Dass eine Personengruppe mit einem derartigen Urlaubsausmaß (Hauptferien, Weihnachts-, Semester- und Osterferien, Direktorstage) während der Unterrichtswochen ruhig etwas mehr werken darf, wird in der Bevölkerung wohl auf keine Kritik stoßen. Da ist eher das Gegenteil der Fall. Zudem ist es ja statistisch erwiesen, dass die Pädagogen in Österreich im internationalen Vergleich eher etwas kurz im Klassenzimmer stehen.

Sicher ist, dass junge Lehrer und Lehrerinnen ihre Vorbereitungsstunden auch tatsächlich brauchen, ebenso sicher ist, dass dies bei routinierten Pädagogen nicht der Fall ist. Sicher ist, dass viele Lehrkräfte aus eigenem Engagement mehr für die Schule und die Schüler tun und auch ihre Freizeit dafür opfern. Für diese ist eine außerordentliche Honorierung ihrer Mehrdienstleistung schon lange überfällig. Durch zusätzliches Büropersonal an den Schulen könnten die Lehrer weitgehend entlastet werden. Es ist also mehr gefordert als nur ein einmaliger Paukenschlag.

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