"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Der Beitrag und das Unverständnis"

Lehrer sollen mehr unterrichten. Das ist keine Zumutung.

Wien (OTS) - Harte Zeiten erfordern von jedem einen Beitrag." Der Satz, mit dem Unterrichtsministerin Claudia Schmied den Lehrern erklärt, warum sie künftig zwei Wochenstunden mehr in der Schule verbringen sollen (bei gleichbleibender Gesamtarbeitszeit), steht eigentlich stellvertretend für alle Bereiche.
Denn die Krise ist längst da: Einknickende Industrien, taumelnde Unternehmen, radikale Sparkurse allenthalben, Kurzarbeit da, Kündigungen dort - Tausende sind bereits betroffen. Und auch wenn eine Mehrheit der Menschen den Schrecken noch nicht konkret spürt:
Das wird nicht so bleiben.

Der Staat alleine wird alle Konsequenzen daraus nicht abfangen können. Wenn der Finanzminister in diesen Zeiten fast alle Ressorts zu Budget-Einsparungen gezwungen hat (die ohnehin nur ein

Tropfen auf den heißen Stein sind), dann ist es eine Illusion zu glauben, dass das spurlos am Einzelnen vorüber geht.
Dennoch haben die Bereiche Bildung und Wissenschaft heuer sogar mehr Geld bekommen. Das ist weitsichtig. Die Wettbewerbsfähigkeit einer Gesellschaft hängt nicht nur in rauen Zeiten von Investitionen in Innovation, Forschung und vor allem Bildung ab.
Aber das Geld reicht trotzdem nicht für alle Vorhaben, die im Schulbereich richtigerweise auf der Agenda stehen - kleinere Klassen, bessere Tagesbetreuung, Kleingruppen- und Doppellehrerunterricht, Sprachförderung.
Daher will die Unterrichtsministerin, ebenfalls richtigerweise, auch einen Beitrag der Lehrer.
Tatsache ist: Lehrer haben einen alles andere als leichten Beruf mit wachsender psychischer Belastung. Aber sie haben auch eine sehr freie Arbeitseinteilung in ihrer 40-Stunden-Woche - nur die Hälfte ist Unterricht. Diese Arbeitseinteilung zu optimieren, bringt mehr Unterricht in die Klassen und ist nicht nur ein Gebot der Budgetstunde.
Ob Claudia Schmieds Hinweis, dass Lehrer ohnehin vier Monate Ferien haben, sehr hilfreich ist für die bevorstehende Debatte, ist aber fraglich. Lehrer reagieren auf die Neiddiskussion erfahrungsgemäß sehr gereizt.
Auch der Hinweis, dass österreichische Lehrer im OECD-Vergleich sehr gut verdienen, aber mit der Zahl ihrer Unterrichtsstunden am unteren Ende der Skala liegen, hat viel für sich, ist aber wenig geschickt.
Jetzt kommt, wie das Amen im Gebet, der Reflex der veränderungsresistenten Gewerkschaften, das Argument, dass zwei Stunden mehr Unterricht auch zwei Stunden mehr Vorbereitungszeit bedeuten - auch ein Teil der Lehrer weiß, dass das Unsinn ist -, die Streikdrohung.
Aber vielleicht wusste die Ministerin, dass der Widerstand ohnehin kommen würde, ob sie subtil verhandelt oder einfach eine Maßnahme verkündet. Und vielleicht rechnet sie damit, dass das Verständnis für beamteten Bestemm außerhalb der Lehrerschaft gegen null tendiert - in harten Zeiten, in denen bald jeder seinen Beitrag wird leisten müssen. Auch wenn’s die Lehrer(-gewerkschafter) noch nicht glauben.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
innenpolitik@kurier.at
www.kurier.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0002