"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Gut versteckt unterm Hering" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 25. Februar 2009

Wien (OTS) - Eine Supermarktkette wirbt mit lukullischen Fasten-Kreationen einer Haubenköchin; die Akteure politischer Aschermittwochs-Veranstaltungen zeichnen sich nie durch maßvolles Verhalten aus, sondern höchstens dadurch, die Maß zu halten. In unseren Breitengraden zählen Millionen Frauen ganzjährig wie besessen Kalorien, könnten 40 Tage lang also bestenfalls auf ihre Diätpillen verzichten. Und eine Nachrichtenagentur weiß, dass irgendwelche Prominente "keine Lust aufs Fasten" haben.

Da liegen, gut versteckt unter opulenten Fischbuffets, einige grobe Missverständnisse auf der Tafel. Praktisch alle Religionen kennen Fastengebote (und jede hat ihre eigenen Traditionen ausgeprägt, diese Gebote elegant oder schelmisch zu umgehen). Kein Seelenexperte - ob von einer Gottheit legitimiert oder durch ein medizinisches Diplom - bestreitet, dass Verzicht ein zutiefst lustvolles Momentum birgt. Der Asket zieht Befriedigung aus der Askese bzw. den daraus resultierenden außerordentlichen Seelen- und Geisteszuständen; der Genießer erlebt seine Wonne intensiver, wenn er sie bisweilen in einen scharfen Kontrast zur Askese stellt - und zwar unter den Bedingungen der Freiwilligkeit und eines klar definierten Zeitraums.

An beidem mangelt es in dieser Fastenzeit 2009. Seit dem 2. Weltkrieg haben wir mühelos gelernt, Überfluss für normal zu halten. Jetzt stellen wir erstmals seit Jahrzehnten fest, dass Verzicht mehr sein könnte als ein frivoles Gedankenspiel, mehr als eine fromme Übung zur höheren Ehre Gottes oder zur Erlangung der perfekten Bikinifigur. Zwar geht es nicht darum, dass jemand demnächst ernsthaft Hunger leiden wird. Mit den Heringsschmäusen allerdings könnte es eng werden. Und das reicht, um die lustvolle Freiwilligkeit durch nackte Angst zu ersetzen.

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