"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Die Parteien und ihre negative Energie"

Warum sich die Grünen vor den Wahlen am Sonntag fürchten müssen.

Wien (OTS) - In der bundesweiten Berichterstattung über die Landtagswahlen am Sonntag in Kärnten und Salzburg kamen die Grünen -vor allem im ORF - so gut wie nicht vor. Das dürfte vor allem daran gelegen sein, dass in der Bundespartei jenes Phänomen zu beobachten war, das die Wähler schon von anderen alten Parteien kennen und das noch nie einen Wahlerfolg angekündigt hat: Es gibt immer wieder einen Punkt, an dem in der jeweiligen Partei nur noch negative Energie freigesetzt wird - ohne Rücksicht auf die Außenwirkung. Die Grünen haben ihn jüngst im Streit um die EU-Kandidatur Johannes Voggenhubers erreicht. In der ÖVP war er immer wieder rund um diverse Obmann-Schlachten zu beobachten. Die SPÖ erreichte ihn 2008 nur deshalb nicht, weil Wilhelm Molterer sie mit seinem "Es reicht" davor bewahrt hat.
Die Wähler reiben sich dann ob der anhaltenden Selbstzerfleischung die Augen und verstehen die Motive der jeweiligen Partei nicht. Johannes Voggenhuber hatte jüngst für die Vorgänge in seiner Partei einen passenden Ausdruck gefunden:
"Irgendwie verrückt." Vernunft und/oder politischer Hausverstand, die Schaden von der Partei abwenden könnten, wurden verrückt. Erkundigt man sich bei Insidern nach den Ursachen des in allen Parteifarben immer wieder auftauchenden Phänomens der reinen destruktiven Energie, hört man immer die gleiche Erklärung: Es gebe einen gewissen Punkt, an dem es nur noch um die Innensicht und darum gehe, wer sich und seine eigene Position wie retten könne.
Vor allem in Zeiten von Irritationen werden politische Parteien zu geschlossenen Systemen, in denen die Wirkung nach außen, also auf die Wähler, keine Rolle mehr spielt. Schlechte Umfragewerte, politische Fehler, enttäuschende Wahlergebnisse oder auch ein normaler Generationswechsel - wie eben zuletzt beim Abgang Alexander Van der Bellens - können zu solchen Irritationen führen.
Die Konsequenz ist ein Marathon an internen Beratungen, in denen die meisten Funktionäre den Bezug zur (Wähler-)Realität verlieren -vor allem jene, die nicht prominent genug sind, um sich draußen auf der Straße für ihr Vorgehen rechtfertigen zu müssen. So entsteht eine sogenannte "Blase", in der jeder nur noch die eigenen Interessen sieht und sich von der Außenwelt isoliert bewegt.
Wiens ÖVP-Chef Johannes Hahn könnte den Grünen Nachhilfe in Sachen Selbstbeschädigung geben, denn seine Partei lieferte in den Achtzigerjahren das bisher dramatischste Beispiel, als eine verbohrte Mittelschicht von Funktionären eine Serie von glücklosen Obmännern und somit eine Talfahrt auslöste, von der sich die Wiener Partei bis heute nicht erholt hat. Auch die Kärntner ÖVP könnte einige Erfahrungsberichte beisteuern.
Die Mischung aus Egoismus, Existenzangst, Selbstrechtfertigung und Gleichgültigkeit der Klientel gegenüber war nämlich noch für jede Partei desaströs.

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