"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Multiples Systemversagen" (Von Mario Zenhäusern)

Ausgabe vom 21.2.2009

Innsbruck (OTS) - Der Fall Luca lässt auch mehr als 16 Monate nach dem Tod des kleinen Buben niemanden kalt. So sehr sich die Menschen im Land die lückenlose Aufklärung der Umstände wünschen, die zum unfassbaren Martyrium Luca‘s führten - die nun bekannt gewordene Anklage der Staatsanwaltschaft gegen eine Sozialarbeiterin der Bezirkshauptmannschaft Schwaz ist nur schwer nachvollziehbar.

Der Anwalt der Beamtin sieht seine Mandantin in der Rolle eines Sündenbocks. Wie Recht er hat! Die Sozialarbeiterin hat Fehler gemacht, klar. Aber sie hat beileibe nicht allein versagt. Der Fehler ist im System zu suchen. Einem System, in dem angesichts der offensichtlichen Verletzungen des Buben niemand aufschrie; in dem alle Beteiligten zwar ihren Job machten, aber niemand über den eigenen Wirkungsbereich hinausdachte. Einem System, das immer noch zulässt, dass sich Sozialarbeiter um bis zu 200 Kinder aus Problemfamilien kümmern müssen.

Dieses System verhindert die eigentlich notwendige, vorbeugende Arbeit in jenen Familien, in denen sich Probleme abzeichnen. Es lässt nur oberflächliche Behandlung von Akutproblemen zu: Krisenfeuerwehr statt Ursachenbekämpfung eben. Dafür kann und darf man die Sozialarbeiterin nicht allein verantwortlich machen.

Vielmehr müssen sich alle Beteiligten die Frage gefallen lassen, wieso sie nichts gegen das Martyrium des Buben unternommen haben -von Luca‘s Mutter angefangen, die geschwiegen hat und nichts bemerkt haben will, bis hin zu jenen, die dieses System der chronisch unterbesetzten Jugendwohlfahrt aufrecht erhalten, statt es endlich zu ändern.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung,
Chefredaktion,
Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001