"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die westliche Welt muss nicht lernen, die Bombe zu lieben" (Von Ingo Hasewend)

Ausgabe vom 21.2.2009

Graz (OTS) - Ja, es gibt doch etwas, was derzeit Konjunktur hat:
das Wort Vertrauen. Es hängt in der weltpolitischen Luft wie ein Werbebanner. Die neue Regierung in den USA hat es als Leitmotiv ausgerufen und die Partner und Nicht-Partner nehmen es dankend auf. Selbst aus Teheran kommen seit Barack Obamas Amtsantritt als Präsident der USA fast nur verheißungsvolle Töne.

Doch nun heißt es in einem Bericht der Internationalen Atomenenergieagentur, das Regime in Iran habe genug Uran, um eine Atombombe zu bauen. Ist damit der Vertrauensvorschuss schon verspielt? Muss die Welt jetzt handeln, weitere Sanktionen beschließen oder gar militärische Aktionen erwägen? Die Antwort lautet: Nein, oder besser: Nein, noch nicht. Teheran hat nicht gegen Verträge verstoßen. Iran befindet sich immer noch im Rahmen der Legalität. Die Wiener Atombehörde wiegelt ab.

Und noch etwas steht in dem Dossier: Die Ausbau der Zentrifugen, die man zur Anreicherung von atomwaffenfähigem Uran braucht, hat sind verlangsamt. Ist das ein Signal aus Teheran an Obama oder nur ein neues Verwirrspiel? Seit fast zwei Jahrzehnten spielt das Regime, obgleich Mitglied des Atomsperrvertrags, nicht mit offenen Karten. Es tastet sich langsam, aber bewusst provokativ an die Schmerzgrenze des Westens heran. Das zeigte zuletzt ein Raketenabschuss mit einem angeblich zivil genutzten Satelliten.

Es kann nicht einmal ausgeschlossen werden, dass Irans Staatspräsident Mahmoud Ahmadinedjad diese Zahlenspielerei vorgegeben hat, um sich in den Fokus zu rücken. Die westliche Welt hat keine Wahl: Sie muss die Einschätzung der Atombehörde ernst nehmen, dass die Anlage, in der das brisante Material lagert, unter ständiger Beobachtung steht. Aber sie muss nicht lernen, die Bombe zu lieben. Die ängstliche Reaktion aus Israel ist eine Mahnung, dass es jetzt eines klaren und machtvollen Wortes aus dem Westen bedarf.

Vertrauen ist eine riskante Vorleistung, wie der deutsche Soziologe Niklas Luhmann es nennt. Deshalb steht Obama jetzt unter Druck und er tat im Vorfeld gut daran, ein militärisches Vorgehen nicht auszuschließen, sollten die Wege der Diplomatie ausgeschöpft sein. Doch auch Obama muss reale Vorleistungen bringen, die über das Vertrauen hinausgehen: Noch immer hat der US-Kongress die Unterstützung von iranischen Oppositionsgruppen nicht aufgegeben. Sie sollte unter der Bush-Regierung das Regime untergraben. Erste Schritte zum gegenseitigen Respekt sehen anders aus.****

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