"Die Presse"-LEITARTIKEL: Wie wär's mit Nachdenken?, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 21.2.2009

Wien (OTS) - In den Zeiten des Börsenbooms konnte man uns alles erzählen. Jetzt, in Zeiten der Krise, auch. Interessant.

Irgendwo in Frankreich gab es einmal einen Bankmanager, der seinen gut bezahlten Job an den Nagel hängte. Die Eigentümer der Bank, für die er arbeitete, wollten die märchenhaften Erträge ihrer Mitbewerber auch im eigenen Haus sehen und legten dem Vorstand nahe, größeres Augenmerk auf das sogenannte Investmentbanking zu legen. Weil er nichts tun wollte, was er nicht vollständig verstand, verließ der Manager die Bank.
Ein bekannter österreichischer Schriftsteller erzählte kürzlich in kleinerer Runde von den Beratungsattacken, denen er ausgesetzt war, als es darum ging, den Erlös aus dem Vorlass, den er einer öffentlichen Institution übergeben hatte, zu veranlagen. Der Autor, konservativ im Habitus, aber nicht der Ideologie nach, verlangte nach einer Konstruktion, die es ihm erlaubte, sein Geld nach und nach wie eine regelmäßige Pension zu erhalten. Wichtig sei ihm nur gewesen, dass dieser Vorgang auf Basis einer Wertsicherung ablaufe. Die Berater hingegen hätten ihm den Kauf von "Produkten" vorgeschlagen, die zu einer Verdoppelung seines Vermögens innerhalb von drei Jahren führen würden. Er habe, erzählt der Schriftsteller, abgelehnt. Weil er die Produkte nicht verstanden habe.
Solche Geschichten kann man derzeit in großer Zahl hören. Vermutlich ist ein guter Teil davon erfunden. Wenn sie stimmen, sind sie aber imponierend: Wer während der vergangenen Jahre bereit war, auf 20-Prozent-Renditen, die versprochen und über kurze Zeit geliefert wurden, zu verzichten, weil er nicht verstand, wie diese Produkte funktionierten, muss ein solides Vertrauen in seinen Hausverstand haben.
Wenn jemand einen Sachverhalt oder ein Produkt unter Verwendung von Begriffen und Formulierungen beschreibt, die mit durchschnittlicher Intelligenz und ebensolcher Bildung nicht nachvollziehbar sind, heißt das nicht, dass er sich besonders gut auskennt. Das Gegenteil ist der Fall. Wer etwas versteht, kann es auch verständlich beschreiben.

Was derzeit geschieht, deutet darauf hin, dass man aus Schaden eher dumm wird: Denn schon wieder können uns Wirtschaftswissenschaftler, Politiker und Manager erzählen, was sie wollen, ohne dass der gesunde Hausverstand der Bürger und Konsumenten sofort laut "Moment mal!" ruft. Dieselben Ratingagenturen, denen wir einen guten Teil der Subprime-Misere verdanken - weil sie die "Produkte", die man aus Schuldtiteln bastelte, zwar auch nicht verstanden, ihnen aber beste Bonität attestierten -, erklären uns jetzt, dass Osteuropa zusammenbricht und Österreich mit in den Abgrund gerissen wird. Wie kann man ernstlich glauben, dass Leute, die durch ihr uneingestandenes Unverständnis eine Weltkrise mitverursacht haben, eineinhalb Jahre und keine einzige strukturelle Änderung später mit ihren apokalyptischen Abhandlungen die Wirklichkeit abbilden? Sie vertrauen darauf, dass fehlerhafte Negativszenarien Realität werden, wenn alle daran glauben, während falsche Positivszenarien irgendwann an der Realität zerschellen.
Wenn jetzt über Möglichkeiten nachgedacht wird, wie man Systemzusammenbrüche künftig verhindern könnte, wird in der Regel über Regulierungsinstrumente geredet, die von jenen, die sie beschließen sollen, genauso wenig verstanden werden wie die Märkte und Produkte, die sie regulieren sollen. Interessant, oder? Entscheidender wäre der Einsatz eines Regulierungsinstruments, das keines parlamentarischen Beschlusses bedarf: des gesunden Menschenverstandes. Wir sollten wieder lernen zu sagen, dass wir etwas nicht verstehen, und den Umstand, dass wir es nicht verstehen, für das Problem des Anbieters zu halten, nicht für unseres.

0b es sich um Finanzminister handelt, die erklären, unsere Banken seien nicht in Gefahr, während sie in der EU für ein Osteuropa-Paket zur Rettung dieser nicht gefährdeten Banken kämpfen, ob es sich um einen linken Ökonomen handelt, der für das Verbot jeglicher Rohstoffspekulation eintritt und gleichzeitig erklärt, dass die AUA nur verkauft werden muss, weil die Idioten im Vorstand nicht ausreichend auf steigende Ölpreise spekuliert hätten: Misstrauen gegenüber den "Experten" und Vertrauen in den Hausverstand ist angesagt. Wir dürfen uns nicht weismachen lassen, dass man Autokonzerne, die dumme Autos bauen, retten muss, dass prinzipiell jede Bank eine Stütze der Volkswirtschaft ist oder ein AUA-Konkurs eine nationale Katastrophe wäre. Wer den gegenwärtigen Akteuren blind vertraut, kauft ein Produkt, das nicht einmal von seinem Anbieter verstanden wird. Wohin das führt, haben wir doch gerade erlebt.

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