Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Schulversagen international"

Ausgabe vom 20. Februar 2009

Wien (OTS) - In Österreich hat niemand die zwei Studien beachtet. Sie untersuchen die Qualität Schweizer Maturanten, etwa in Hinblick auf deren Erfolg beim anschließenden Studium, und zeigen, dass Österreich mit seinen Bildungsproblemen nicht alleine steht.

So ist rund die Hälfte der Schweizer Maturanten in Mathematik ungenügend qualifiziert. Und ein Viertel nicht imstande, einen passablen Aufsatz zu schreiben. Die Erfahrungen des Tagebuchautors mit hunderten hiesigen Uni-Absolventen, die gefährlicherweise Journalist werden wollten, sind ähnlich: Viele von ihnen waren trotz dieses Berufswunsches auch als Magister nicht imstande, einen halbwegs verständlichen und grammatikalisch richtigen Text zu verfassen. Sie ersetzen Allgemeinbildung jedoch gerne durch Selbstbewusstsein. So argumentieren Geschichts-Absolventen, die von den letzten 150 Jahren (mit Ausnahme der NS-Zeit) null Ahnung haben, voller Kühnheit: "Aber wir wissen dafür, wo man nachschauen kann."

Hochinteressant - und ebenfalls deckungsgleich mit hierzulande gemachten Beobachtungen - ist auch die Erkenntnis, dass jene Schweizer Schüler, die Latein als Schwerpunkt der Schule hatten, auf der Uni viel besser abschneiden.

Die Schweizer Ursachen-Forschung verweist auf Volksschulen, wo nur noch das Spielerische in den Vordergrund gerückt werde, und auf die vielen Reformen höherer Schulen, die ein einziges Ziel hatten: Die Zahl der Maturanten und Akademiker zu steigern - und ihre Leistung zu ignorieren.

Auch das klingt Österreichern allzu vertraut. Sie können nur hoffen, dass die bei uns geplante Zentralmatura und die "Studieneingangsphasen" tatsächlich wieder mehr Leistung bringen. Wobei es freilich ernstzunehmende Kritiker gibt, die den handelnden Akteuren eher eine gegenteilige Motivation zuschreiben. Und die fürchten, dass die Maturareform eine ähnliche Groteske wie die "Neue Mittelschule" werden könnte.

Diese wird zwar von der Propaganda der Schulministerin ob der großen Zahl teilnehmender Schulen bejubelt - in Wirklichkeit sind es aber fast nur Hauptschulen, die sich die neue Bezeichnung ans Tor schrauben ließen. Was für diese auch völlig logisch ist. Gibt es doch für jede Neue Mittelschule viel mehr Geld (vor allem in Form von Lehrerstunden) als für normale Schulen. Ein gleichheitswidriger Unsinn, aber Ideologie kostet halt.

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