"Gutenbergs Albtraum" - Auftaktveranstaltung

Wien (OTS) - "Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus - im Brennpunkt zwischen Print und Internet" - hochkarätige Diskussionsveranstaltung mit Miklos Haraszti (OSZE), Josef Joffe (DIE ZEIT), Jean-Francois Julliard (Reporter ohne Grenzen International), Dejan Anastasijevic (serbischer Journalist bei VREME), Fritz Hausjell (Universität Wien) und Rubina Möhring (Reporter ohne Grenzen Österreich)

Gestern Abend ging im Presseclub Concordia die Auftaktveranstaltung des zweitägigen Medienseminars "Gutenbergs Albtraum" über die Bühne. Zentrales Thema der Podiumsdiskussion war der "Brennpunkt zwischen Print und Internet". Das Medienseminar "Gutenbergs Albtraum" wird heute mit drei Panels fortgesetzt.

"Die Pressefreiheit ist noch vergleichsweise jung", betonte Rubina Möhring (Reporter ohne Grenzen Österreich) zu Beginn der Diskussion und verwies etwa auf die "Bill of Rights" und die Aufnahme der Pressefreiheit in die Menschenrechtskonvention 1948. Eine Zäsur in Sachen Pressefreiheit sei der Terror-Anschlag vom 11. September in New York gewesen: "Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt wurden mehr und mehr wie altes Spielzeug behandelt, das man die Ecke wirft", so Möhring, die auf drei entscheidende Kriterien verwies: 1. Finanzielle Krisen/Verringerung des Arbeitsmarktes, 2. Konzentration der Medien und Redaktionen, 3. Zensur - "das betrifft auch die Selbstzensur aus Angst vor dem Arbeitsplatzverlust. Die Konsequenz ist ein geringeres Niveau und der Übergang zum Agenturjournalismus", so Möhring.

Bedrohung durch ökonomische Entwicklung

Der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell gab einen Überblick über die Funktionen der Medien: "In den Demokratien haben die Medien eine Informations-Aufgabe, eine Orientierungsfunktion, die Rolle des Kritikers und sie sind Unterhalter. Sie müssen aber auch den wirtschaftlichen Prozessen dienlich sein und etwa der Wirtschaft eine Publikationsfläche anbieten." In Mitteleuropa bestehe ein Bedrohungsszenario durch die ökonomische Entwicklung. "Die Ökonomisierung gesellschaftlicher Bereiche hat auch die Medien erfasst. Das führt dazu, dass Massenmedien als kommerzielle Dienstleistungen gesehen und weniger als relevante Kulturgüter begriffen werden", so Hausjell.

Einflussnahme von Regierungen

Miklos Haraszti, Medienbeauftragter der OSZE, gab einen Ausblick über die Pressefreiheit in den OSZE-Ländern: "In manchen Ländern ist die Pressefreiheit gut ausgeprägt, in manchen Ländern liegt viel im Argen." In den ehemaligen GUS-Staaten, speziell in Weißrussland, herrsche eine starke mediale Monopol-Stellung. Von Regierungsseite "werden Journalisten oft beschuldigt, verleumderisch tätig gewesen zu sein", so Haraszti, der betonte, dass in den postkommunistischen Ländern kein Unterschied im Umgang mit Journalisten und Dissidenten gemacht werde. Es gebe keine rechtliche Möglichkeit, die Informationsquellen zu schützen. Haraszti verwies auch auf ein interessantes Phänomen: "Immer dann, wenn große Entwicklungen in der Technologie passieren, starten Regierungen den Versuch der Einflussnahme. Dasselbe passiert mit dem Internet." In China beispielsweise sei die Medienlandschaft "komplett unfrei", es herrsche Zensur. Selbst internationale Unternehmen müssten sich dieser Zensur unterwerfen. Allerdings scheine sich das Internet in China zu einem freien Medium zu entwickeln.

China: kritische Texte nur im Internet möglich

Jean-Francois Julliard (Reporter ohne Grenzen International) ging ebenfalls auf das Beispiel China ein: "In China gibt es heute viele Blogs und Websites, die wesentlich mehr Freiheit als andere Medienkanäle zulassen." Das Internet habe die Situation in China auf jeden Fall verbessert. Viele Jugendliche hätten nur via Internet die Möglichkeit, ihre Meinung kund zu tun. "In China ist es möglich, im Internet kritische und sensible Texte zu schreiben, in den traditionellen Medien ist dies unmöglich", so Julliard, der auch aufzeigte, dass auch die politischen Führer sehr rasch begriffen hätten, wie wichtig das Medium Internet ist: "Aber auch dessen Kontrolle - viele Menschen sitzen hinter Gittern, weil sie eben im Internet die Regierung kritisiert haben."

Ohne traditionelle Journalistik keine Ethik

Für den serbischen Journalisten Dejan Anastasijevic ist es fraglich, ob der Journalismus in seiner heutigen Form auch noch in einigen Jahren möglich ist. Gerade in Serbien sei es sehr gefährlich, journalistisch zu agieren. "Finanzielle Interessen gewinnen an Bedeutung, mehr als der Dienst an der Öffentlichkeit. Viele Geier schweben über uns - etwa die Unterwelt und Regierungen", so Anastasijevic, der auch die Problematik für den Journalismus durch kommerzielle Interessen und die Trivialisierung ansprach: "In Form von Citizen Journalism wird dieser Beruf von normalen Bürgern ausgeübt, professionelle Standards werden durcheinander geworfen. Ich bin mir nicht sicher, dass der Beruf des Journalisten in ein paar Jahren nicht ganz anders aussieht. Die größte Gefahr besteht darin, dass es ohne traditionelle Journalistik keine Ethik mehr gibt, sondern nur mehr eine Informations-Masse."

Menschen müssen Meinung formulieren dürfen

Der Herausgeber der "DIE ZEIT", Josef Joffe, sieht einen Trend in der westlichen Geschichte: "Immer wenn ein neuer Informationskanal entstanden ist, haben die Regierungen versucht, zu kontrollieren -ausgenommen die angelsächsischen Regierungen." Beispielsweise seien Fernsehen und Telefon "immer gleich verstaatlicht worden". In Sachen Kontrolle müsse aber nicht nach China geblickt werden: "In Bayern wurden Sex-Websites von der Regierung kontrolliert und aus dem Web genommen", so Joffe. Es müsse aber zugelassen werden, dass Menschen ihre Meinung formulieren können. Der Einsturz der kommunistischen Regimes sei letztendlich auf die freie Meinungsäußerung zurück zu führen gewesen. Mit dem Blick auf die letzten 20 bis 30 Jahre könne gesagt werden, dass sich Journalismus in Sachen Qualität verbessert habe. "Problematisch ist, dass das Internet nicht sagt, was gut ist und was schlecht, was Propaganda und was vertrauensvoll - das Medium ist einfach da. Um Informationen zu filtern, braucht es Journalisten. Der Beruf des Journalisten ist wichtig - wir unterscheiden zwischen gut und böse", so Joffe.

Über Reporter ohne Grenzen Österreich (ROG)

Reporter ohne Grenzen Österreich setzt sich weltweit für die Medienfreiheit und Freiheit der Reporter ein und unterstützt bei Inhaftierung und Ermordung deren Familien. Die unabhängige Organisation mit Sitz in Paris, Niederlassung in Österreich und mehr als hundert Korrespondenten in aller Welt fordert aktiv den Respekt vor den Menschenrechten und beruft sich auf den Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Die Freiheit zu informieren und informiert zu werden.

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