WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Welche Manager nun ebenfalls gehen sollten - von Alexis Johann

"Love me or leave me" ist ein Tabu für Führungskräfte

Wien (OTS) - Insgesamt 703 Immofinanz-Aktionäre sitzen gedrängt
im Raum Lehar 1 des Messezentrums Wien. Sie sehen das Rekordergebnis der Gesellschaft, ein EBIT-Wachstum von 197 Prozent. Bevor das Buffet eröffnet wird, geht es um Punkt 3 a der Tagesordnung, ein Formalakt dieser 12. Hauptversammlung (HV) am 29. September 2005. Der Vorstand der Immofinanz soll entlastet werden. 53 der 77 Millionen Stimmrechte liegen bei der Constantia Privatbank. Ein einziger Aktionär protestiert. Anlegervertreter Wilhelm Rasinger wendet sich an Karl Petrikovics: "Enthalten Sie sich Ihrer Stimme, Sie können sich nicht selbst entlasten." Es sei um eine "rein akademische Frage" gegangen, gibt Petrikovics später zu Protokoll. Wem es nicht passe, dass er Immofinanz und Constantia Privatbank gleichzeitig leite, könne sein Geld ja zu wem anderen tragen, sagt er.

Hätten sich Zehntausende Anleger der Immofinanz nicht durch ihre Finanzberater oder die Constantia bei der HV vertreten lassen, hätte sie diese Aussage vor späterem Frust warnen müssen. Aus den Vernehmungsprotokollen zur Causa Immofinanz geht deutlich hervor, dass genau die Personalunion aus Vorstandsfunktionen der Bank - Lead Manager und Depotführer - sowie der Immogesellschaften, das Management dazu verleitet hat, vorhandene Liquidität dorthin zu schieben, wo sie gerade opportun war - bei Kapitalerhöhungen oder beim Kauf eigener Aktien.

Ob dabei die Regeln des Kapitalmarkts verletzt wurden, haben die Gerichte zu prüfen. Was jedoch klar ist: Die Möglichkeiten zur "Verschleierung" wurden maximal ausgenützt - über Töchterfirmen und Stiftungen im Ausland. Und das Konstrukt war nicht, wie es Petrikovics in den Vernehmungsprotokollen darzustellen versucht, als Win-Win-Situation konzipiert, sondern gegen die Interessen der Aktionäre.

Allein zwischen 2004 und 2008 hatten Anleger der Immofinanz-Gruppe 8,4 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Weil ihnen Berater empfohlen hatten, das Geld einer Immogesellschaft zu überlassen statt in Wohnungen zu investieren. Schmerzvoll wird nun sichtbar, dass sich Immofirmen auflösen, wenn das Geld nicht in Immobilien investiert wurde und die Fremdfinanzierung zu hoch war. Manager müssen jedoch im Interesse ihrer Kapitalgeber handeln. Wer langfristigen Werterhalt kommuniziert, muss das Produkt darauf ausrichten. Die Maxime "Love me or leave me" ist ein Tabu für Führungskräfte, weil ihnen die Eigentümer ihr Vertrauen nur leihweise zur Verfügung stellen. Die einzige Erkenntnis für Kapitalgeber: Welcher Manager dieses Prinzip zur eigenen Maxime erhebt, sollte sofort gemieden oder gekündigt werden.

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