Österreich ist für blinde und sehbehinderte Menschen keine "Insel der Seligen"!

Fünf wichtige Forderungen für 318.000 Betroffene anlässlich des Besuches der Präsidentin der Weltblindenunion

Wien (OTS) - 318.000 Menschen haben in Österreich laut Behindertenbericht 2008 eine dauerhafte Sehbeeinträchtigung, das sind 3,9 Prozent der Bevölkerung. "Doch der Politik ist diese hohe Zahl an blinden und sehbehinderten Menschen, immerhin die dritthäufigste Beeinträchtigung, offensichtlich nicht wichtig genug", stellt Mag. Gerhard Höllerer, Präsident des Österreichischen Blinden und Sehbehindertenverbandes (ÖBSV), fest. Anlass für diese Bilanz war der Besuch einer hochrangigen internationalen Delegation, an der Spitze die Präsidentin von "World Blind Union" (WBU), die Australierin Maryanne Diamond (gemeinsam mit Vizepräsidenten Arnt Holte aus Norwegen und der Kanadierin Penny Hartin, Leiterin des WBU-Büros) im Dachverband des ÖBSV. Höllerer berichtete der Vorsitzenden der Weltblindenunion, dass die von der WBU mitverhandelte UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Österreich erfreulicherweise ratifiziert, aber in der Praxis noch lange nicht umgesetzt ist. Der ÖBSV-Präsident erläuterte dies an folgenden fünf Hauptanliegen:

1. Angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise gehört dringend ein Beschäftigungsprogramm für blinde und sehbehinderte Menschen ins Leben gerufen. Höllerer, auch Vizepräsident der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (ÖAR), warnt davor, dass in Zeiten wie diesen gerade Menschen mit Behinderungen unter die Räder kommen und in die Armutsfalle tappen. Der ÖBSV-Präsident spricht sich für eine Erhöhung der Ausgleichstaxen aus, damit Unternehmen verstärkt "begünstigte Behinderte" einstellen und kritisiert: "Derzeit kaufen sich immer noch 35 Prozent der Firmen mit Ausgleichszahlungen von der Einstellung begünstigt behinderter Mitarbeiter frei!" Zudem fordert Höllerer eine Anhebung des seit 1987 (!) gleich gebliebenen Freibetrages für erhöhten Aufwand durch Behinderung und warnt eindringlich: "In Zeiten von Bankenhilfspaketen und Verschrottungsprämien darf auf keinen Fall auf die Anliegen der blinden und sehbehinderten Menschen vergessen werden!" 2. Hochqualifizierte Blindenführhunde, ein Mobilitäts- und Orientierungstraining sowie eine Unterweisung in lebenspraktischen Fertigkeiten sind für Menschen mit schweren Sehbeeinträchtigungen unverzichtbar. "Leider werden diese wichtigen Maßnahmen für ein selbständiges Leben blinder und stark sehbehinderter Menschen, die nicht im Erwerbsleben stehen, nur zu einem geringen Teil bezahlt. Die Betroffenen müssen im 21. Jahrhundert für die Ausfinanzierung von Blindenführhunden immer noch betteln gehen", kritisiert Präsident Höllerer. 3. Barrierefreiheit ist für blinde und sehbehinderte Menschen in Österreich in vielen Bereichen immer noch ein unerfüllter Wunschtraum. "Der öffentliche Raum wird für Personen mit starken Sehschwächen oft zu einer gefährlichen Falle, die nicht selten mit schweren Verletzungen endet", erzählt Höllerer. Fehlende taktile Bodeninformationen, das falsche Anbringen von Verkehrszeichen und Postkästen, die mit dem Blindenstock nicht ertastbar sind, machen blinden und sehbehinderten Menschen das eigenständige Leben schwer. "In Zügen, in denen die Ausstiegsrichtung links oder rechts nicht durchgesagt wird, aber beide Türen zu Öffnen sind, kommt es immer wieder zu lebensgefährlichen Situationen, wenn blinde Menschen auf der falschen Seite aussteigen!" Auch geräuschlose Fahrzeuge (z.B. Hybrid- oder Elektroautos bzw. Scooter) sind für visuell stark eingeschränkte Personen nicht hörbar und stellen eine weitere große Gefahrenquelle dar. 4. Eine weitere Barriere sind die Beipacktexte von Medikamenten. Zwar sind die meisten Arzneimittel mit ertastbaren Braillezeichen versehen, die (lebens-) wichtigen Informationen für deren Verwendung sind für blinde- und sehbehinderte Menschen jedoch nicht lesbar. Der ÖBSV-Präsident forderte daher die Installierung einer österreichweiten Hotline für Gebrauchsinformationen von Arzneispezialitäten. Hier läuft bereits seit geraumer Zeit ein erfolgreiches Pilotprojekt in Tirol. 5. Nicht zuletzt ruft Höllerer die Verantwortlichen im ORF auf, trotz Sparpaketes endlich ihren öffentlich-rechtlichen Auftrag zu erfüllen und etwas für Menschen mit schweren visuellen Beeinträchtigungen zu tun. "Wenn sich der ORF dafür rühmt, 2007 sechs (!) Filme und TV-Movies im Hörfilmformat mit Audiodeskription gesendet zu haben, ist das angesichts von 318.000 sehbeeinträchtigten Gebührenzahlern ein Hohn. Blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen haben einen Anspruch darauf, nicht nur Krimis wie "Ein Fall für zwei" barrierefrei mit Audiodeskription konsumieren zu können." Der ÖBSV-Präsident fordert abschließend, dass Menschen mit starken Sehbeeinträchtigungen, unabhängig vom Haushaltseinkommen, von der GIS-Gebühr befreit werden: "Warum sollen wir für etwas zahlen, was wir kaum nutzen können?"

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Österreichischer Blinden- und Sehbehindertenverband (ÖBSV)
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