"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: "Begrenzter Schaden als Schritt in die Zukunft"

Die Bischöfe haben im Fall Wagner rasch reagiert - und noch viel zu tun.

Wien (OTS) - Die Steine, die den österreichischen Bischöfen und ihrem Vorsitzenden Kardinal Christoph Schönborn schon vor der Krisensitzung am Montag von der Seele gefallen sind, müssen mindestens bis Rom hörbar gewesen sein: Der Verzicht Gerhard Wagners auf das neu geschaffene Amt eines Weihbischofs in Linz nimmt der inner- und außerkatholischen Debatte um die Kirche zunächst einmal die Schärfe.
Es war übrigens die ungewohnte Schärfe, mit der einige Bischöfe und wohl auch der Kardinal dem Windischgarstener Landpfarrer mit seinen Spintisierereien von Gottesstrafen und heilbaren Homosexuellen in die Parade gefahren sind: Sie hat ihn zum Rückzug bewogen, nicht die Einsicht, völlig absurde Thesen zu vertreten. Die Kirchenführung hat damit erfrischende Handlungsfähigkeit bewiesen.
Sie hat sehr schnell erkannt, dass auch ein relativ unbedeutender Weihbischof, der "im Bewusstsein der halb säkularen Gesellschaft nur oberflächlich daheim ist" ((C) Bischof Egon Kapellari), der Kirche einen nicht wiedergutzumachenden Schaden anrichten kann. Nicht nur, weil sich notorische Kirchenkritiker von außen mit allem Genuss daran reiben, sondern weil einer mit dieser Gesinnung ein Sprengsatz innerhalb des Kirchenvolkes ist.
Nach dem Schaden, den die Affären um die Bischöfe Groër und Krenn hinterlassen haben und der nur mühsam wiedergutzumachen war, konnte die Kirche keinen neuen brauchen.
Mit der beachtlich konsequenten Erledigung des Falles Wagner, auch mit der frühen und klaren Stellungnahme Kardinal Schönborns zum Pius-Bruder Williamson und "Fehlern", die auch der Papst mache, und mit dem gestrigen Treffen der Bischöfe hat die Kirchenführung die Grundlage gelegt, wieder in die Zukunft zu blicken.
Die liegt zu allererst in Glaubensfragen und in der sozialen Kompetenz der Kirche.
Die liegt im Einfangen einer teils verstörten Herde.
Die liegt nicht in der Demokratisierung nach dem Motto Wünsch dir was - das ist die Kirche nicht und muss sie nicht sein.
Die liegt aber sehr wohl, und das ist der schwierigste Part, in der Notwendigkeit, sich gesellschaftlichen Entwicklungen nicht zu verschließen, obwohl das Pontifikat in Rom in dieser Hinsicht verschlossen ist.
Die Frage des Zölibats oder die der Rolle der Frauen und Laien in der Kirche zum Beispiel ist eine, bei der die Kirche im Falle einer Öffnung keine Glaubensgrundsätze über Bord werfen müsste, die aber vielen Katholiken wichtig ist - das zu erkennen, könnte Kirche in der Praxis viel glaubwürdiger machen.
Das kann keine Ortskirche und keine Bischofskonferenz allein schaffen. Aber das Bemühen, sich damit auseinanderzusetzen, ist so wichtig wie die Entfernung eines irregeleiteten Doch-nicht-Bischofs.

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