Neue Bücher im Palais Epstein vorgestellt - Politik als Frauenberuf Wenn Frauen Grenzen überschreiten - Martha Tausk und Johanna Dohnal

Wien (PK) - Im "Epstein", "das sich immer mehr zu einem Ort spannender Veranstaltungen des Parlaments entwickelt", begrüßte Nationalratspräsidentin Barbara Prammer heute Abend prominente Gäste zur Präsentation neuer Bücher über Frauenthemen. Erschienen waren die ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal, die ehemalige Bundesratspräsidentin Anna-Elisabeth Haselbach, die Generalsekretärin des Nationalfonds Hannah Lessing und zahlreiche MandatarInnen.

Die von Brigitte Dorfer verfasste Biographie "Die Lebensreise der Martha Tausk", habe sie beeindruckt, weil sie von einer Frau handle, die vieles von dem, wofür sie als Politikerin gekämpft habe, selbst erlebt habe. Die in Wien geborene Martha Tausk führte ein Leben quer durch die Monarchie und musste nach der Scheidung von ihrem Mann ihre beiden Söhne alleine aufziehen. Als sozialdemokratische Politikerin kämpfte sie für die Rechte von Frauen, Alleinerzieherinnen, Heimarbeiterinnen und für das Eherecht von Frauen im öffentlichen Dienst. Sie musste vor den Nationalsozialisten fliehen und starb im holländischen Exil. Frauenbiographien wie diese seien wichtig, sagte Barbara Prammer, weil sie Kraft geben im Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter, die leider immer noch nicht erreicht sei.

Johanna Dohnal sei ein "Synonym für den Kampf um Gleichberechtigung und Chancengerechtigkeit für Frauen" begrüßte Präsidentin Prammer die ehemalige Frauenministerin, gratulierte ihr zum bevorstehenden siebzigsten Geburtstag und ging damit zur zweiten Neuerscheinung des Abends, zur Herausgabe ihrer "Innsbrucker Vorlesungen" unter dem Titel "Johanna Dohnal - Innenansichten Österreichischer Frauenpolitiken" über. Ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der deutlich werde, dass nichts von dem, was für die Frauen schon erreicht wurde, auch in der Zukunft Bestand haben müsse, sagte die Nationalratspräsidentin und gab zu bedenken, dass der Frauenanteil im Nationalrat seit 2000 von 33 % auf 27 % gesunken und Österreich damit vom 9. Platz weltweit auf den 26. Platz zurückgefallen sei. In einer Zeit, in der man höre, jetzt sei Weltwirtschaftskrise, die Frauengleichstellung müsse auf bessere Zeiten warten, wo manche über die Beseitigung der Fristenlösung reden, sei es gut, mit Johanna Dohnal ein Vorbild für Frauen und Männer zu haben, denen die Gleichstellung der Geschlechter wichtig sei, sagte Barbara Prammer.

Die Zeithistorikerin Maria Mesner fragte eingangs ihrer Präsentation der beiden Bücher nach deren Gemeinsamkeiten und stellte fest, es gehe in beiden Publikationen um Politik als Frauenberuf, wobei klar sei, dass die Politik kein Frauenberuf war, als Martha Tausk im Jahr 1881 zur Welt kam, auch wenn es damals schon Frauen gegeben habe, die darum kämpften, die Grenze zwischen den Frauen und der Politik zu verschieben. Auch mit der Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts am Beginn der Ersten Republik seien die Geschlechtergrenzen nicht aus der Politik verschwunden, das zeige die Biographie der sozialdemokratischen Politikerin Martha Tausk, die zuerst als eine "Unbequeme" aus der Steiermark in den Bundesrat nach Wien "abgeschoben" wurde, dann fern der Heimat bei einem anderen "Unbequemen", bei Friedrich Adler in Zürich arbeitete und nach dem Krieg von der österreichischen Sozialdemokratie nicht dazu eingeladen wurde, aus dem holländischen Exil nach Österreich zurückzukehren.

Die Hintergründe und Ursachen dieser Erfahrungen der Politikerin Martha Tausk werden in der Biographie der Brigitte Dorfer erahnbar, aber nicht explizit, sagte Mesner und sah darin einen Unterschied zu dem von Erika Thurner und Alexandra Weiss herausgegebenen Buch Johanna Dohnals. Sie mache deutlich, was Frauen an Missachtung, an herabsetzenden und sexistischen Kommentaren erfahren, wenn sie in der Politik Grenzen überschreiten, oder wenn sie sich der Parteidisziplin verweigern. Johanna Dohnal spreche in ihren Vorlesungen darüber, wie sie die politischen Verhältnisse erlebt habe, wie sie ihren Kampf führte, welche Verletzungen sie erlitt und welche Desillusionierungen sie hinnehmen musste. "Beide Bücher geben viel Gelegenheit zum Nachdenken", schloss Maria Mesner.

Johanna Dohnal - Rückblicke und Ausblicke

Das Buch, in dem sich die ehemaligen Frauenministerin Johanna Dohnal mit der Entwicklung der Frauenpolitik in Österreich befasst, nannte deren Herausgeberin Erika Thurner "unverzichtbar für Österreich" und erinnerte daran, wie sehr Johanna Dohnal als Politikern das Bewusstsein der Frauen in Österreich verändert habe. Es sei erfreulich, dass dieses Buch im Parlament vorgestellt werden könne, wo Johanna Dohnal jahrelang für soziale Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit gewirkt habe. Ihr Buch sei als Vermächtnis und Auftrag zu verstehen, in schwierigen Zeiten weiterzukämpfen.

Schwerpunkte ihres Buches "Innenansichten österreichischer Frauenpolitiken" sind die Reformära der siebziger Jahre, in der auch die Frauenpolitik massiv aufgewertet wurde, die Frage des Schwangerschaftsabbruchs, Sexismus und Gewalt gegen Frauen sowie die bewusste und aktive Frauenförderung, die damals in der Debatte um die Quotenregelung ihren Ausgangspunkt nahm.

Johanna Dohnal war zwischen Oktober und Dezember 2006 auf Einladung von Anton Pelinka als "Politikerin in Residence" an der Universität Innsbruck aktiv und berichtete im Rahmen ihrer Vorlesungen auch über die spezifischen politischen Entwicklungen rund um die "Ära Kreisky". So habe es ursprünglich auch innerhalb ihrer eigenen Partei nicht geringe Skepsis bezüglich einer offensiven und prononcierten Frauenpolitik gegeben, wobei vor allem das konservative Lager gegen die Pläne des Frauenstaatssekretariats Sturm lief.

Oftmals, so erinnert Dohnal in ihren Beiträgen, sei die Polemik gegen ihre Politik und auch gegen ihre Person weit unter die Gürtellinie abgeglitten, und es habe oftmals hartnäckiger und beharrlicher Arbeit bedurft, um die politisch wichtigen Vorhaben auch tatsächlich in die Praxis umsetzen zu können. Die Aufwertung des 1979 geschaffenen Staatssekretariats zu einem eigenen Ministerium sei dabei von einiger Wichtigkeit gewesen, konstatiert Dohnal.

Johanna Dohnal wurde 1939 in Wien geboren, absolvierte die Pflichtschule und erlernte dann den Beruf einer Bürokauffrau und heiratete mit 18 einen Straßenbahner. Wenig später begann sie sich in der SPÖ zu engagieren, wobei sie von allem Anfang an ihren Arbeitsschwerpunkt auf die Frauenorganisation legte. 1969 wurde sie Bezirksrätin in Wien-Penzing, vier Jahre später entsandte sie die Partei in den Wiener Landtag.

1979 holte Bundeskanzler Bruno Kreisky Johanna Dohnal, die bereits seit 1972 Wiener Frauensekretärin war und in weiterer Folge in den Bundesparteivorstand gewählt worden war, als Staatssekretärin in sein Kabinett. Das neu geschaffene Staatssekretariat für Frauenfragen entwickelte sich rasch zur Drehscheibe von Frauenanliegen, wobei dabei ein damals völlig neuer und unkonventioneller Arbeitsstil gepflegt wurde, mit dem es rasch gelang, die Frauenthematik nachhaltig auf die politische Agenda zu setzen.

Dohnals verdienstvollem Wirken wurde 1990 durch die Aufwertung des Staatssekretariats zu einem eigenen Ministerium Rechnung getragen. 1995 zog sich Dohnal, damals 56, in die Pension zurück, doch blieb sie bis heute wache und engagierte Beobachterin der Zeitgeschehens, dabei nach wie vor aktiv an verschiedensten Fronten für die Sache der Frau tätig seiend.

Johanna Dohnals "Innenansichten österreichischer Frauenpolitiken" (herausgegeben von Erika Thurner und Alexandra Weiss) ist im Innsbrucker Studienverlag erschienen, umfasst 228 Seiten und ist zum Preis von 17 Euro 90 im Buchhandel erhältlich.

Martha Tausk (1881-1957)

Eine überaus spannende Lebensgeschichte hat die Autorin Brigitte Dorfer der Vergessenheit entrissen. Martha Tausk war die erste Frau im steiermärkischen Landtag und spielte in der internationalen Arbeiterbewegung eine überaus bedeutsame Rolle.

Geboren 1881 in eine gutbürgerliche Wiener Familie, heiratete sie 1900 den späteren Psychoanalytiker Victor Tausk, was ihre Familie nur zähneknirschend akzeptierte, da Martha zu diesem Zeitpunkt bereits ein Kind erwartete. Die Ehe verläuft jedoch trotz der Geburt zweier Söhne alles andere als glücklich und wird schließlich 1908 geschieden. Victor Tausk hat sich in der Zwischenzeit im Kreis um Sigmund Freud etabliert und beginnt eine Liaison mit Lou Andreas-Salome, die zuvor schon die Gefährtin von Friedrich Nietzsche und Rainer Maria Rilke gewesen war. Doch Victor Tausk sollte sein Leben lang unglücklich bleiben, sodass er schließlich 1919 Selbstmord beging.

Martha Tausk ist im Gefolge der Scheidung gezwungen, selbst ihren Unterhalt zu verdienen und arbeitet in der väterlichen Druckerei als Buchhalterin. Nach dem Tod des Vaters 1913 wird die Firma jedoch verkauft, und Martha Tausk ist gezwungen, anderswo ein Auskommen zu finden. Zu dieser Zeit hat sie sich allerdings schon, begünstigt durch ihre Freundin, die slowenische Schriftstellerin Zofka Kveder, der Sozialdemokratie angenähert. Sie lernt Ikonen der Frauenbewegung wie Angelica Balabanoff, Adelheid Popp und Klara Zetkin kennen, die sie ermutigen, auch selbst den Kampf um die Gleichberechtigung aufzunehmen.

Und so nimmt Tausk nur zu gerne ein Angebot der steirischen Sozialdemokratie an, nach Graz zu übersiedeln und dort sozialdemokratische Frauenpolitik zu machen. Bei Ende des Ersten Weltkrieges ist sie bereits so etabliert, dass sie wie selbstverständlich, für ihre Partei in die provisorische Landesversammlung und 1919 in den Landtag gewählt wird. Dort macht sie sich vor allem um die soziale Besserstellung der Arbeiterinnen verdient und bekämpft erfolgreich viele schikanöse Bestimmungen (etwa das Heiratsverbot für Lehrerinnen), die noch aus der Monarchie übrig geblieben waren.

1927 wird Tausk in den Bundesrat entsandt, was ihr freilich gar nicht behagt. Sie sieht den Bundesrat als "eine ganz sinnlose, überflüssige Körperschaft ohne Existenzberechtigung", sodass sie sich bereits ein Jahr später aus der Kammer wieder zurückzieht. Erfreut nimmt sie ein Angebot Friedrich Adlers an, als Frauensekretärin der Zweiten Internationale in Zürich zu wirken. Die Schweiz bleibt daraufhin viele Jahre ihre Heimat.

Doch der aufkommende Faschismus sorgt Tausk immer mehr, und so zieht sie schließlich zu ihrem Sohn in die Niederlande, der dort für ein Pharmaunternehmen tätig ist. An seiner Seite verbringt sie ihren Lebensabend, und wenn sie auch nach 1945 mit einzelnen Repräsentanten der SPÖ, so vor allem mit ihrer alten Freundin Gabriele Proft, brieflichen Kontakt hält, ist es für Martha Tausk doch eine bittere Erfahrung, dass ihre Partei, der sie sich viele Jahre ihres Lebens mit Leidenschaft gewidmet hat, im Alter nicht mehr für sie übrig hat als eine Brosche zur Erinnerung an ihren Parteieintritt im Jahr 1912. Martha Tausk kehrte nicht wieder nach Österreich zurück und starb 1957 in den Niederlanden.

Brigitte Dorfer ist ein überaus luzides und informatives Porträt einer großen Persönlichkeit gelungen, die völlig zu Unrecht der Vergessenheit anheim gefallen ist. Das engagierte Buch "Die Lebensreise der Martha Tausk" umfasst 140 Seiten, ist im Innsbrucker Studien-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich. (Schluss)

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