Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Million, Milliarde, Billion"

Ausgabe vom 11. Februar 2009

Wien (OTS) - Wer eine Kreuzfahrt macht, muss wie ein Soldat mit Schwimmweste antreten. Wer in einem neuen Auto keinen Sicherheitsgurt anlegt, wird durch gellendes Pfeifen terrorisiert. Wer ein Flugzeug besteigt, bekommt einen Vortrag über Notausstiege.

Solche Beispiele ließen sich lange fortsetzen. Wir sind lobenswert sicherheitsbewusst geworden - freilich total selektiv. Denn in Konditoreien und Fast-Food-Filialen etwa wird niemand per Plakat und Lautsprecher vor Gesundheitsrisiken gewarnt (obwohl hohe Cholesterin-Werte und Übergewicht viel riskanter für Leib und Leben sind als die Benutzung eines Verkehrsmittels).

Und wenn sich Staaten verschulden - in Amerika geht es nun nicht mehr "nur" um Millionen und Milliarden, sondern schon um Billionen! -, wird kein Bürger mit Plakaten, Inseraten und Durchsagen gewarnt:
"Vorsicht, Ihre Regierung geht gerade zu Ihren Lasten ein Risiko ein, das weit größer ist als der Besuch eines Spielkasinos."

Freilich sagt die Politik statt Risiko: Konjunkturpaket, automatische Stabilisatoren wie die Arbeitslosenhilfe, Haftungsübernahmen, Liquiditätshilfen. Das klingt technisch harmlos. Und wird in seiner Gefährlichkeit auch deshalb übersehen, weil derzeit alle Länder ins Kasino gehen (und sich dabei auch noch selbst für ihr "koordiniertes Vorgehen" loben), weil wir alle wie Süchtige nach neuem Stoff, pardon: Konjunkturmaßnahmen rufen, um nur ja schmerzhaften Entziehungskuren zu entgehen.

Dieses Risiko kann auf drei verschiedene Weisen enden: Am harmlosesten sind riesige Sparpakete, sobald sich die Krise abmildert; und zwar Sparpakete in einem Ausmaß, das in Demokratien bisher unvermittelbar war. Die historisch häufigste Konsequenz sind Mega-Inflationen: Staaten bauen ihre Schulden einfach dadurch ab, dass sie so lange viel Geld unter die Menschen bringen, bis das Geld und damit die Staatsschulden nichts mehr wert sind. Die dritte mögliche Konsequenz sind reihenweise Staatsbankrotte (falls sich die Europäische Zentralbank traut, trotz öffentlicher Proteste eine Inflation zu verhindern). Bankrott bedeutet: Staatsschulden, etwa Anleihen, werden nicht mehr bedient, es gibt null Investitionen, und Beamtengehälter werden verspätet oder gar nicht ausbezahlt.

Unrealistische Schwarzmalerei? Schön wär's. Denn niemand kann uns eine vierte Zukunftsvariante entwerfen - außer kollektivem Verdrängen.

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