"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Bernard L. Elsner und Helmut Madoff"

Nicht nur die Wahrheit, auch die Gerechtigkeit ist eine Tochter der Zeit.

Wien (OTS) - Bei allem Respekt Euer Ehren, Haftrichter Christian Böhm, die Verlängerung der U-Haft über den ehemaligen Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner verletzt den Gerechtigkeitssinn. Wenn Bernard L. Madoff in den USA, der Anleger (auch in Österreich) um rund 50 Milliarden Dollar betrogen hat, in seinem Apartment in der Park Avenue in New York den Beginn des Prozesses erwarten darf, scheint die mehr als zweijährige U-Haft für Elsner nach Spekulationsverlusten der Bawag in der Höhe von 1,4 Milliarden Euro vom Gerechtigkeits- standpunkt aus mehr als problematisch.
Aber auch ohne internationale Vergleiche ist die Entscheidung, dass Elsner hinter Gitter auf seine Berufungsverfahren warten muss, aus mehreren Gründen anzuzweifeln. Gut, Elsner war für die Bawag-Kunden verantwortlich, aber diese haben letztlich keinen Euro verloren. Das kann man im Zusammenhang mit anderen Affären, die in der Zwischenzeit aufgebrochen sind, nicht behaupten. Und wie ist es mit den Spekulationsverlusten anderswo? In den Gemeinden, die mit Aktien und Spekulationen viel (Steuer-)Geld verloren haben? In den Bundesländern, die Wohnbaufördermittel auf den internationalen Märkten verlustreich angelegt haben? Mit dem ORF? Mit den ÖBB?
Wer redet über die verschwundene Milliarde, die in der - inzwischen verstaatlichten - Kommunalkredit gerade jetzt gesucht wird? Welcher Manager, ist hinter Gitter gewandert?
Das alles soll Helmut Elsner keineswegs vom mutmaßlichen Täter zum Opfer machen, aber mit einem halbwegs intakten Gespür für Gerechtigkeit lässt sich behaupten: Wäre die Bawag-Krise letzten Herbst ausgebrochen, wäre Elsner nicht in Haft genommen worden. Verluste in Bawag-Höhe würden heute als Kleinigkeit durchgehen. Viel größere sind inzwischen geradezu en vogue geworden, zynisch gesagt.
Der offizielle Haftgrund "Fluchtgefahr" mutet ebenfalls seltsam an. Die Vorstellung, dass Helmut Elsner mit elektronischen Fußfesseln über die Schengengrenze entschwindet, um sich außerhalb der EU ein neues Gesicht und einen neuen Pass zu organisieren, muss der überhitzten Crime-Fantasie eines Beamten entspringen, der an der "bisherigen Einschätzung" seiner inzwischen zur Justizministerin avancierten Kollegin nichts ändern will. Wenn die Justiz keine (technischen) Möglichkeiten hat, die Flucht zu verhindern, dann stellt sie sich selbst ein Armutszeugnis aus und sollte sich schnell welche beschaffen. Vielleicht in New York bei den Madoff-Anklägern nachfragen?
Tatsache ist, dass die öffentliche Empörung über die Bawag a) die Verhaftung Elsners 2006 und b) die Verurteilung im Prozess 2008 ausgelöst und sichergestellt hat. Nur, heute würde sich kein Mensch mehr über Bawag-Dimensionen in der gleichen Weise empören. Die Öffentlichkeit stumpft bei einer Horrormeldung nach der anderen ab. So wird auch die Gerechtigkeit zu einer Tochter der Zeit. Das ist - wie bei der Wahrheit - einfach nicht gut.

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