WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wunderland ist abgebrannt - von Michael Laczynski

Heilsame Erfahrung: Banker erleben den Kontrollverlust

Wien (OTS) - So weit ist es schon gekommen: In ihrer gestrigen Ausgabe berichtet die "Herald Tribune" darüber, dass bei JP Morgan die (noch nicht gefeuerten) Mitarbeiter ihre Schreibutensilien neuerdings bei der Sekretärin abholen müssen, denn das Depot für Büromaterial wurde im Zuge der Finanzkrise verriegelt. Mit der restriktiven Maßnahme will die Chefetage der wütenden Öffentlichkeit ihren eisernen Sparwillen demonstrieren und sich auf diese Art und Weise aus der Schusslinie nehmen - wenn der geschasste Merrill Lynch-Chef John Thain wegen der Bestellung einer Kommode fürs Klo um läppische 35.000 Dollar regelrecht gekreuzigt wird, dann weiß jeder halbwegs vernünftig denkende Banker, dass das Eis, auf dem sich die Branche derzeit bewegt, sehr dünn ist.

Ja, die Zeiten sind hart geworden. Immer öfter liest man dieser Tage von Bankmitarbeitern, die mit der Produktion toxischer Wertpapiere nichts zu tun hatten und trotzdem auf ihre Prämien verzichten müssen. "Da kann ich ja gleich zu einem Non-Profit-Verein gehen", entrüstet sich eine Dame vom Fach in dem eingangs erwähnten Artikel, "denn dort gibt es wenigstens geregelte Arbeitszeiten."

In Anbetracht dieser Aussage ist es höchst an der Zeit, einen wichtigen Sachverhalt ins rechte Licht zu rücken. Meine lieben Banker: Auch die Fabriksarbeiter, die rund um den Globus zu zigtausenden gefeuert werden, hatten nichts mit Collaterized Debt Obligations, Mortgage-Backed Securities und ähnlichem Dreck zu tun. Sie haben ihre Arbeit gut gemacht und wurden trotzdem Opfer der Umstände. Shit happens, wie der Amerikaner zu sagen pflegt.

Das eigentliche Problem liegt woanders: Die ehemaligen Überflieger erleben zum ersten Mal, dass sich die Welt nicht nach ihren Vorstellungen dreht. Eine in jeder Hinsicht heilsame Erfahrung. Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass die neue US-Regierung im Wunderland der Finanzinstitutionen aufräumen will, beileibe kein Drama. Was ist eigentlich so schlimm an dem Vorschlag, die Prämien so lange einzufrieren, so lange die Bank am öffentlichen Tropf hängt? Und mit einem limitierten Gehalt von 500.000 Dollar verdient ein Bankdirektor immer noch rund 100.000 Dollar mehr als Präsident Barack Obama - und der muss ja bekanntlich für sein privates Essen im Weißen Haus selbst aufkommen.

Und was die Sache mit dem Büromaterial anbelangt: In der Redaktion, in der ich arbeite, ist der verantwortungsvolle Umgang mit Schreibutensilien seit Jahren gang und gäbe. Und das ist gut so.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001