"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Zielstrebig retour" (Von IRENE HEISZ)

Ausgabe vom 5. Februar 2009

Innsbruck (OTS) - Krisenmanagement war noch nie eine Stärke des Vatikans.

Papst Benedikt XVI. hat in knapp vier Jahren schon für viele diplomatische Verstimmungen und interreligiöse Zerwürfnisse gesorgt. Was sich zurzeit abspielt, ist allerdings beispiellos.
Ein deutscher Bischof nach dem anderen geht auf Distanz zum deutschen Papst, ein hoher Würdenträger nach dem anderen gibt seinem obersten Chef Ratschläge, wie das Desaster um einen Holocaust-Leugner und dessen ultrakonservative Bischofskollegen zu reparieren sei. Und -das gab es noch nie! - selbst die deutsche Bundeskanzlerin hat sich, jegliche Tradition der Nichteinmischung ignorierend, scharf geäußert.

Krisenmanagement war nie eine Stärke Roms, u. a. weil sich der Vatikan selbstherrlich vorbehält, zu bestimmen, was eine Krise ist. Und weil Entscheidungen des Hl. Vaters gern als unfehlbar und irreversibel dargestellt werden, obwohl die allerwenigsten tatsächlich ex cathedra gefällt werden. Die Wortmeldungen aus dem Umfeld des Papstes schwanken deshalb zwischen genervter Ignoranz, wehleidigen Verschwörungstheorien und Anläufen, Machtwörter zu sprechen.

Roma locuta, causa finita? Mitnichten! In neudeutschem Wirtschaftssprech formuliert: Die vatikanische Performance ist jämmerlich. Das perfekt abgeschirmte Zentrum katholischer Macht präsentiert sich in einer Art Selbstschutzreflex wieder einmal als geschützte Theologen-Werkstätte. Wie viel Wirklichkeit eindringt in diese Welt, darüber kann außerhalb des kleinen Kreises engster Papst-Vertrauter nur spekuliert werden.

Doch es geht keineswegs nur um die Performance, selbst das Verhältnis zwischen Katholizismus und Judentum ist nur ein Teil des großen Puzzles, an dem Benedikt werkt. Johannes Paul II. war nicht weniger konservativ als sein Nachfolger; dennoch hat er das Papsttum mit seiner volkstümlich-einnehmenden Art und dem diplomatischen Geschick in die Moderne geführt. Benedikt XVI. nützt zwar YouTube, das hindert ihn aber nicht daran, zielstrebig rückwärts zu schreiten.

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