"Die Presse"-Leitartikel: Missverständnisse und Zerrbilder, von Michael Prüller

Ausgabe vom 5.2.2009

Wien (OTS) - Rom scheint aus der bisher größten Krise des Pontifikats Benedikt XVI. zu lernen - und redet endlich Tacheles.

Aus Karl Kraus' "Letzten Tagen der Menschheit" stammt der böse Satz:
"Wenn es nach dem (österreichischen Generalstabschef) Conrad gegangen wäre, wäre der (Erste) Weltkrieg auf Serbien beschränkt geblieben." Auch die Wirkung der vatikanischen Geste gegenüber den vier traditionalistischen Bischöfen hätte wohl auf das Gesprächsklima mit den Lefebvristen beschränkt bleiben sollen, wäre es nach dem Willen Roms gegangen. Ist es aber nicht. Die dilettantische Behandlung der ganzen Angelegenheit - von der schlampigen Vorbereitung durch den zuständigen Kardinal bis zur versäumten Gelegenheit, die Sachlage zu Beginn ordentlich zu erklären - hat die Dinge vorhersehbar eskalieren lassen. Vorläufig letzter Höhepunkt: Der Vatikan gibt den Protesten nach und fordert Traditionalistenbischof Williamson auf, sich von seinen Äußerungen zu distanzieren.
Damit wird die Sache aber nicht unbedingt einfacher. Williamson hat in seinem berüchtigten Fernsehinterview ja nicht nur die Existenz von Gaskammern bestritten, sondern auf die Frage, ob das nicht antisemitisch sei, geantwortet: "Nein, weil es die Wahrheit ist." Williamson hat schon vor Jahren mit seiner Kirche gebrochen, weil er an dem festhalten wollte, was er als Wahrheit erkannt hat (nämlich die Lehren, wie sie vor dem Konzil bestanden haben). Es ist unwahrscheinlich, dass so jemand nun auf Geheiß des Vatikans das Gegenteil von dem behaupten wird, was er für die Wahrheit über den Holocaust hält. Was aber dann? Werden sich die anderen drei Bischöfe mit dem Papst oder mit ihrem Mitstreiter solidarisieren? Am Ende könnte das Gesprächsklima des Papstes mit den Traditionalisten noch schlechter sein als zuvor.
Was das bereits zerschlagene Porzellan betrifft, so kann man nur hoffen, dass die Mitarbeiter des Papstes gelernt haben, was Eigendynamik bedeutet. Wie von einer (problematischen) Versöhnungsgeste des Papstes gegenüber vier abtrünnigen Bischöfen in der Weltöffentlichkeit nur die (skandalöse) "Rehabilitierung eines Holocaust-Leugners" übrig blieb, das allein bietet Lernstoff für zwei Generationen Kirchenbeamte. Ein Lehrstück darüber, wie schnell auch die weit gesteckten Grenzen nachvollziehbarer Rationalität überstiegen werden: zum Beispiel, wenn Angela Merkel oder Kardinal Lehmann, fast eine Woche, nachdem der Papst das Leugnen der Shoah streng verurteilt hat, fordern, dass der Papst endlich das Leugnen der Shoah streng verurteilt.
Alles Missverständnisse - o. k. Aber man sollte andererseits auch nicht - wie es die Kritiker der Kritiker nun tun - die weltweiten massiven Missverständnisse beklagen, denen sich Papst und Vatikan ausgesetzt sähen, ohne darüber nachzudenken, womit und wie Papst und Vatikan eigentlich so viel Missverständnisse ausgelöst haben, an deren Ende sich ein ja nicht ungefährliches Zerrbild von Joseph Ratzinger zwischen ahnungslosem Alten und reaktionärem Judenfeind aufgebaut hat. Es ist ja nicht das erste Mal, dass der Vatikan Missverständnisse zurechtrücken muss. Und auch wenn das Einprügeln auf die Chefitäten der katholischen Kirche derzeit voll im Trend liegt, so trägt doch der antiquierte Geheimkämmererstil der vatikanischen Behörden viel dazu bei, dass die Kirche in der Besorgung ihrer Amtsgeschäfte so oft schlecht rüberkommt. Wenn die Kinder jeden Tag die Schulübung falsch verstehen, wäre es auch für den Lehrer an der Zeit, über sich und seine Methoden nachzudenken.

Aber es gibt Zeichen der Lernfähigkeit. Die gestrige Botschaft des Vatikans ist so eine. Da wird endlich deutlich gesagt, was schon früher zum Verständnis hilfreich gewesen wäre: Die vier Bischöfe dürfen trotz zurückgenommener Exkommunikation kein Amt als Bischof ausüben (sind also nicht rehabilitiert). Sie müssen davor die Lehren in ihrer heutigen Form vollinhaltlich akzeptieren. Und, Zitat:
"Williamson wird sich in absolut unzweideutiger Weise öffentlich von seinen Positionen betreffend die Shoah distanzieren müssen, um in der Kirche die Zulassung zu bischöflichen Handlungen zu erlangen." Spät, aber gut.
Und noch etwas steht im vatikanischen Dokument: "Es möge der Einsatz der Hirten und aller Gläubigen zur Unterstützung der delikaten und schwierigen Mission des Petrusnachfolgers als eines ,Wächters der Einheit‘ in der Kirche wachsen." Auch das kann als positives Zeichen gelesen werden: Wer "alle Gläubigen" zum Einsatz heranziehen will, muss sie als moderne, selbstbewusste Menschen mit ausgeprägtem Informationsbedürfnis und großer Kritikfreudigkeit ernst nehmen (was auch, nebenbei bemerkt, bei Bischofsernennungen hilfreich wäre). Das ist natürlich ziemlich mühsam. Aber anders geht's heute nicht mehr.

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