Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Von Bürokraten gequält"

Ausgabe vom 5. Februar 2009

Wien (OTS) - Ein staatlicher Buchhalter hat offenbar zweistellige Millionenbeträge verschoben. So weit so schlecht. Aber man hat schnell eine Gegenmaßnahme gefunden: Statt zwei sind ab sofort bei solchen Transaktionen drei Unterschriften (beziehungsweise deren elektronischen Substitute) notwendig.

Das klingt gut - ist aber ein schwerer Denkfehler. Denn künftig muss demnach jeder Buchhalter ja 50 Prozent mehr Unterschriften leisten. Was logischerweise dazu führt, dass er entsprechend weniger Zeit für jede einzelne Überweisung hat. Mehr Unterschriften bedeuten also weniger persönliche Verantwortung und weniger Effizienz im Kampf gegen künftige Machinationen.

Ein kleiner Trost: Dieser Denkfehler passiert nicht nur in staatlichen, sondern auch in privatwirtschaftlichen Bürokratien ziemlich häufig.

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Bürokratie zum Zweiten: Es ist bei der Suche nach neuen Mitarbeitern nicht nur verboten, nach Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung oder Hautfarbe zu fragen; sogar Alterswünsche (wie:
"über 20-jährig") sind untersagt. Das alles führt nicht nur zu unlesbaren, dafür politisch korrekten Stelleninseraten, sondern auch dazu, dass viele Firmen viele Aufnahmegespräche führen müssen, bis sie dann letztlich doch genau den/die/das aufnehmen, was man sich vorgestellt, aber nicht zu fragen gewagt hat. Das kostet Zeit - und Geld, wenn man die scheinheilige Übung bequem an Personalberater delegiert. Und das schmerzt die Unternehmer besonders in harten Zeiten. Aber ihre Interessenvertretungen wagen es ja gar nicht mehr, gegen den Regulierungswahn aufzutreten.

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Bürokratie zum Dritten: Den Nationalbank-Chefs seien genauso wie den Politikern trotz der Neidkampagnen am Boulevard ihre Spitzenklasse-Autos gegönnt. Immerhin sind diese ja oft ein zweiter Arbeitsplatz. Total versäumt hat die Notenbank jedoch den relativ leichten Beweis, dass sie mit (unserem!) Geld sorgfältig umzugehen imstande wäre, indem sie die besten Einkaufs-Konditionen sucht.

Eine echte Provokation ist aber demgegenüber das Verbot für Firmen, Dienstautos samt Vorsteuer voll abschreiben zu können. Auch in deren Fahrzeugen wird aber oft genauso hart gearbeitet wie in öffentlich-rechtlichen. Was wieder einmal das Bild einer üblen Zweiklassengesellschaft ergibt.

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