"Die Presse"-Leitartikel: Im Land der Invaliden, von Martin Fritzl

Ausgabe vom 4. Februar 2009

Wien (OTS) - Besserer Zugang zur Psychotherapie könnte die notleidenden Pensionskassen entlasten.

Österreich ist ein Land der Invaliden. Anders lassen sich die Zahlen nicht deuten, die im aktuellen Sozialbericht veröffentlicht wurden:
Jeder Dritte muss wegen verminderter Erwerbsfähigkeit vorzeitig in den Ruhestand gehen, Männer etwas öfter als Frauen, Arbeiter öfter als Angestellte. Am schlimmsten ist es um den Gesundheitszustand der Bauern bestellt: Drei von vier sind so schwer angeschlagen, dass sie vor Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters in Rente gehen. Bäuerinnen sind übrigens ein bisserl robuster: Nur 58 Prozent gehen vorzeitig in Pension.
Die Invaliditätspension, geschaffen für den Ausnahmefall der Erwerbsunfähigkeit, ist zum Normalfall geworden. Das lässt auf den ersten Blick eigentlich nur zwei mögliche Interpretationen logisch erscheinen: Entweder herrschen in Österreich unzumutbare, krank machende Arbeitsbedingungen vor - in Verbindung mit einem desaströsen Gesundheitssystem, das nicht in der Lage ist, Langzeitschäden in größerem Ausmaß zu verhindern. Oder die Österreicher sind geborene Schauspieler, die in der Lage sind, den Kontrollärzten in den Krankenkassen etwas vorzumachen, und die Invaliditätspension als willkommenes Schlupfloch Richtung Frühpension benutzen.
Leider lässt sich das Phänomen Invaliditätspension nicht ganz so einfach erklären. Die Arbeitsinspektorate in diesem Lande sind gut besetzt, sie schauen auf gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen -fast ein bisschen zu gut, wie so manch geplagter Unternehmer meint. Und das Gesundheitssystem gehört - trotz aller Finanzierungsprobleme - ohnehin zu den besten weltweit. Und was die Kontrolle durch die Kassenärzte betrifft: Auch wenn es natürlich Einzelfälle gibt, die unberechtigterweise eine Invaliditätspension bekommen - einfach ist dies keineswegs. Mehr als die Hälfte aller Anträge wird nämlich abgelehnt.
Bedenklich ist die Entwicklung bei den psychischen Erkrankungen. Betrachtet man die Entwicklung über die letzten 40 Jahre hinweg, so zeigt sich: Insgesamt ist der Anteil der Invaliditätspensionisten konstant geblieben (bei 26 Prozent aller Pensionisten). Aber während die Präventionsmaßnahmen teilweise Erfolg hatten und der früher dominierende Grund für verminderte Erwerbsfähigkeit, nämlich Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates (also beispielsweise ein Bandscheibenvorfall), zurückgegangen ist, steigen psychiatrische Erkrankungen deutlich an. Vor allem bei Frauen: Da sind Psychosen, Depressionen und Ähnliches schon der häufigste Grund für eine Invaliditätspension.
Ganz überraschend kommt das natürlich nicht. Die veränderten Bedingungen der Arbeitswelt mit höheren Leistungsanforderungen und mehr Stress führen dazu, dass mehr aus dem System herausfallen. Dazu kommt ein veränderter gesellschaftlicher Umgang mit psychischen Störungen: Diese werden heute nicht mehr schamhaft verschwiegen, sondern als behandlungswürdige Krankheit erkannt.

Klar ist, dass Sozialminister Rudolf Hundstorfer angesichts der Finanzierungsprobleme des Pensionssystems in diesem Bereich Handlungsbedarf hat. Denn Invaliditätspensionisten kosten Geld:
Erstens, weil sie weniger lange in den Topf der Pensionsversicherung einzahlen, zweitens, weil ihnen die fehlenden Beitragsjahre bis zum normalen Pensionsantrittsalter gutgeschrieben werden.
Gesetzliche Änderungen sind sinnvoll und nötig - bringen aber nicht unbedingt eine Verringerung der Kosten. Denn derzeit kommen Angestellte zu leicht in den Genuss einer Invaliditätspension, Arbeiter aber zu schwer. Angestellte haben nämlich Berufsschutz - sie bekommen die Pension schon, wenn sie ihren angestammten Beruf nicht mehr ausüben können. Arbeiter ohne Berufsschutz haben keine Chance auf Pension, wenn sie noch irgendeinen Job annehmen können. Der übliche Rat im ablehnenden Bescheid lautet dann: Sie könnten doch noch Portier werden. Geht es danach, so müsste jeder Portiersposten in Österreich wohl 20-fach besetzt werden.
Finanziell wirklich etwas bringen könnte wohl nur verstärkte Prävention. Und da müsste man den Schwerpunkt auf die steigende Zahl an psychischen Erkrankungen legen. Noch immer gibt es viel zu wenig Therapieplätze auf Krankenschein. Die auszubauen kostet zwar die Krankenkassen viel Geld, würde aber auf lange Sicht den Pensionsversicherungen noch viel mehr bringen. Den Zusammenhang zu verstehen und entsprechend zu handeln sollte doch gerade im Lande Sigmund Freuds kein Problem sein.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
Email: chefvomdienst@diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001