- 01.02.2009, 18:00:00
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"Die Presse"-Leitartikel: Diplomatie, wie sie Erdogan versteht von Wieland Schneider
Ausgabe vom 2. Februar 2009
Wien (OTS) - Die Türkei rückt zunehmend vom "Westen" ab. Ihr rüder
Premier und auch die Europäer fördern diese Drift.
Nette Worte und vornehmes Auftreten sind nicht immer gefragt -
zumindest nicht, wenn es gilt, sich in den Straßen von Kasimpasa
durchzusetzen. In dem Istanbuler Stadtteil geht es seit jeher etwas
rauer zu. Man tut deshalb gut daran, einem Kasimpasali nicht das Wort
abzuschneiden. Und man sollte es schon gar nicht wagen, ihm während
einer Meinungsverschiedenheit körperlich zu nahe zu kommen, ihm etwa
gar durch Betatschen der Schulter zu signalisieren, er möge doch
endlich den Mund halten. Diese Lektion hat man vergangene Woche im
Schweizer Davos gelernt, hatte man dort doch einen der berühmtesten
Söhne Kasimpasas zu Gast, den türkischen Premierminister Recep Tayyip
Erdogan.
Dass der Regierungschef nicht immer Anhänger der feinen Klinge ist,
weiß man in seinem Heimatland Türkei schon lange. In der abrupt
beendeten Diskussion in Davos war mit Erdogan aber nicht einfach nur
der Kasimpasali durchgegangen. Bei all seinem überschäumenden
Temperament weiß er genau, gezielt auszuteilen. Er weiß, womit er
seine Anhänger begeistern kann. Und bei einer elitären
Wirtschaftskonferenz in Europa von "überheblichen Westlern" wegen
einer antiisraelischen Tirade unterbrochen zu werden, passt
punktgenau.
Schon in den vergangenen Wochen hatte Erdogan kein Hehl aus seiner
Wut über Israels Militäraktion im Gazastreifen gemacht. Und die
hochwogenden Emotionen bei vielen Protestkundgebungen zeigten, dass
Erdogan in der Türkei mit dieser Wut nicht allein war. Wut über die
Toten in Gaza - aber auch Wut als Teil einer öffentlichen Stimmung,
die sich immer mehr gegen den sogenannten "Westen" richtet: gegen die
USA, die EU und eben Israel.
Solche Gefühle waren in Segmenten der türkischen Gesellschaft stets
präsent. Massiv nach außen gekehrt wurden sie aber erst, als sich
auch die öffentliche Politik ihrer bediente: als Erdogan auf
Konfrontationskurs mit den USA ging. Es war der Irak-Krieg 2003, der
einen Keil zwischen die alten Alliierten trieb. Die türkische
Regierung war gegen den Militäreinsatz. Das Parlament in Ankara
verbot den USA, von türkischem Territorium aus in den Irak
einzurücken - ein Verbot, das die Aufmarschpläne der
US-Militärstrategen ordentlich durcheinanderbrachte.
Schließlich konnten die USA dann doch im Nordirak eine zweite Front
eröffnen - wenn auch nicht mit einer ganzen Armee, wie ursprünglich
angedacht. Das verdankte Washington den nordirakischen Kurden. Deren
Peshmerga marschierten Seite an Seite mit amerikanischen
Spezialkräften und erkämpften sich so die autonome Kurdenregion im
Nordirak. Allein die pure Existenz dieses halbstaatlichen kurdischen
Gebildes bringt Militärs und Politiker in Ankara in Rage, fürchtet
man doch die Beispielwirkung auf die Kurden der Türkei. Als vor mehr
als einem Jahr die türkisch-kurdische Untergrundorganisation PKK ihre
Angriffe vom Nordirak aus verstärkte, ging in der Türkei sogar die
Mär um, niemand Geringerer als die CIA würde die linken Guerilleros
unterstützen. Erst als die USA der türkischen Luftwaffe
Satellitenbilder von PKK-Stellungen zur Verfügung stellten,
beruhigten sich die Gemüter etwas.
Dass auch die Europäer in der Türkei schon einmal ein besseres Image
hatten, verwundert nicht. Seit Jahren spielt man in der EU mit Ankara
ein verlogenes Spiel. Schon lange schwört man hoch und heilig, die
Türkei sei in der EU willkommen - als Belohnung dafür, dass der
Nato-Staat im Kalten Krieg fest auf der Seite des Westens stand. Dann
begann man - um Wort zu halten - 2005 mit Beitrittsverhandlungen. Und
signalisierte rasch, dass das Versprechen nie sehr ernst gemeint war;
dass es bei den Verhandlungen offenbar nicht wirklich darum geht, die
Türkei so weit zu modernisieren, dass sie der EU beitreten kann.
Sondern darum, die Türkei nie und nimmer in die Union zu lassen.
Auch wenn der EU-Beitritt nach wie vor das Ziel der Außenpolitik
Ankaras ist, auch wenn die USA militärischer Verbündeter Nummer eins
und Israel ein Partner der Türkei bleiben: Das Land ist "nach Osten"
gerückt, in den Gefühlen vieler Menschen und im Handeln der
Regierenden. Es reiche nicht, sich auf den Westen zu verlassen. Die
Türkei müsse sich auch nach Bündnispartnern im arabischen Raum
umsehen, lautet das Credo von Ahmet Davutoglu, dem Chefberater
Erdogans. Eine Türkei, der alle Optionen offenstehen: Das schwebt
auch dem Premier vor.
Trotz aller - populistischer - Ausfälle: Die Brücken Richtung Westen
wird Erdogan niemals abbrechen. Denn auf den Straßen von Kasimpasa
lernt man nicht nur, sich raubeinig durchzusetzen. Man lernt auch
strategisches Denken.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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Tel.: (01) 514 14-445
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