Christen und Muslime gemeinsam für Qualität im Religionsunterricht

Kardinal Schönborn bietet Islamischer Glaubensgemeinschaft verstärkte Kooperation im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Religionslehrern an

Wien, 31.1.09 (KAP) Kardinal Christoph Schönborn hat der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) eine verstärkte Kooperation im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Religionslehrern angeboten. Bei einem christlich-islamischen Begegnungsabend am Freitag im Wiener Erzbischöflichen Palais, an dem u.a. auch der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Prof. Anas Schakfeh, teilnahm, erinnerte Schönborn an die Pflicht der Kirchen und Religionsgemeinschaften, ihre Verantwortung für die Qualität des konfessionellen Religionsunterrichts auch wirklich wahrzunehmen. "Wir als katholische Kirche tun das in der jetzigen schwierigen Situation, indem wir die Hand ausstrecken und ein verlässliches Angebot machen: Wir sind bereit, die Entwicklung des islamischen Religionsunterrichts noch stärker als bisher mit Rat und Tat zu begleiten und unsere Erfahrungen zu teilen", sagte der Wiener Erzbischof.

Die katholische Kirche, so der Kardinal, mache dieses Angebot auch, weil die Anstrengungen der Islamischen Glaubensgemeinschaft bekannt seien, sich für eine Qualität des Unterrichts einzusetzen, die den "rechtlichen Standards in Österreich und Europa" entsprechen. Dazu gehöre zweifellos auch das Bekenntnis "zur Demokratie und zu den Menschenrechten", so Schönborn.

Den konfessionellen Religionsunterricht, der allen gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften "in vorbildlicher religionsrechtlicher Offenheit" ermöglicht werde, bezeichnete Schönborn als "kostbaren Wert". Dieser Unterricht gebe "den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, mit ihren religiösen und kulturellen Wurzeln vertraut zu werden". Nur so könne sich eine eigene, wohl begründete persönliche Überzeugung entwickeln.

IGGiÖ-Präsident Schakfeh dankte dem Wiener Erzbischof bei der Veranstaltung für die angebotene vertiefte Zusammenarbeit, die sich etwa in den Kontakten zwischen der IGGiÖ und dem Wiener Erzbischöflichen Schulamt bereits "bewährt" habe. "Wir nehmen die Sache ernst", sagte Schakfeh zur laufenden Debatte um den islamischen Religionsunterricht. Die Islamische Glaubensgemeinschaft habe Untersuchungen eingeleitet. Man wolle nüchtern und sachlich geeignete Maßnahmen treffen. "Emotionen sind nicht immer ein guter Ratgeber", unterstrich Schakfeh.

Er sei aber auch betroffen über die Heftigkeit der öffentlichen Angriffe auf die Islamische Glaubensgemeinschaft, sagte Schakfeh; es werde so getan, "als ob alle muslimischen Religionslehrer antidemokratisch und fanatisch sind". Selbst die derzeit in der Diskussion stehende Studie zeige, "dass die absolute Mehrheit der muslimischen Religionslehrer nicht so ist"; fast 80 Prozent der befragten Lehrer hätten sehr positive Antworten gegeben. Gleichzeitig erneuerte Schakfeh seine Kritik an den Fragestellungen und den Methoden der Studie: "Ich bin überzeugt: Hätte man die Lehrer direkt nach dem Stellenwert der Demokratie gefragt, hätten sie eine andere Antwort gegeben".

Katholische Schule mit muslimischen Religionslehrern

Im Zentrum des Festprogramms bei dem christlich-muslimischen "Abend des Kennenlernens" stand die Präsentation des katholischen Schulzentrums der Schulschwestern in der Friesgasse in Wien-Fünfhaus. Das Gymnasium hat als erste katholische Privatschule islamische Religionslehrer eingestellt. Derzeit bieten drei muslimische Lehrer Religionsunterricht für rund 150 muslimische Schülerinnen und Schüler an, die die katholische Privatschule besuchen. Im Gebäude wurde auch ein eigener muslimischer Gebetsraum eingerichtet.

"Die Friesgasse ist nicht nur Modell für pluralistisches Leben in der Schule, sondern auch ein Beispiel, wie das Zusammenleben bereichert und wie wir aufeinander zugehen können", stellte Kardinal Schönborn fest. Auch IGGiÖ-Präsident Schakfeh würdigte die "hervorragende Atmosphäre" in der Schule: "Es geht nicht um Toleranz, die gibt es woanders auch. Im Schulzentrum Friesgasse gibt es Respekt - und dafür bin ich dankbar".

"Wir wollen eine Übungsschule des Friedens sein", sagte die Direktorin des Schulzentrums, Hofrätin Sr. Beatrix Mayerhofer. Das ehrliche Miteinander zwischen Menschen mit unterschiedlichen Religionsbekenntnissen, das sich alle Welt für die Zukunft wünsche, werde im Schulzentrum gelebt, so Sr. Beatrix. Unter den 1.500 Kindern und Jugendlichen, die im gesamten Schulzentrum - es umfasst neben einer AHS auch eine Handelsschule, eine kooperative Mittelschule und eine Volksschule - fänden sich Schüler mit 40 verschiedenen Muttersprachen und 20 verschiedenen Religionsbekenntnisse. Der selbstverständliche Umgang und der Respekt für alle Religionen fördere das gegenseitige Verständnis und den Zusammenhalt unter den Schülern, betonte Sr. Mayerhofer.

Vertrauen zwischen Christen und Muslimen wächst

Zum "Abend des Kennenlernens" hatte Kardinal Christoph Schönborn Vertreter türkisch-islamischer und katholischer Organisationen eingeladen. Anwesend waren neben Prof. Schakfeh u.a. der türkische Botschafter Selim Yenel, Generalkonsul Sedat Önal und Botschaftsrat Mehmet Emin Cetin sowie zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter türkisch-islamischer Vereinigungen, u.a. von "ATIB" (dem österreichischen "Ableger" des türkischen staatlichen Religionsamtes "Diyanet"). Auch Delegationen der "Muslimischen Jugend" und alevitischer Vereine nahmen teil.

Der Abend war die Fortsetzung einer Initiative von Dechant Martin Rupprecht, der die Kontaktstelle für christlich-islamische Begegnung der Erzdiözese Wien, leitet. Zum ersten Mal hatte Kardinal Schönborn im Dezember 2006 zu einem solchen Treffen eingeladen.

Dechant Rupprecht, der selbst gut türkisch spricht, hat bereits viele "Brücken des Verstehens" zwischen Christen und Muslimen in Wien gebaut. So knüpft er Kontakte zwischen katholischen Pfarrern und muslimischen Imamen und arrangiert Begegnungen zwischen muslimischen und christlichen Familien aus Anlass des islamischen Fastenmonats Ramadan. Zuletzt wurde eine Plattform für christlich-muslimische Paare gestartet.

Eine Frucht der neuen Kontakte war die Türkei-Reise von Kardinal Christoph Schönborn im vergangenen Herbst, als der Wiener Erzbischof auf Einladung des Präsidenten des türkischen Religionsamtes ("Diyanet"), Prof. Ali Bardakoglu, u.a. das Istanbuler "Zentrum für Islamforschung" (ISAM) besuchte und einen Vortag an der Islamisch-Theologischen Fakultät der Universität Ankara hielt. Der wichtige Besuch hat das Vertrauen vieler islamischer Organisationen in die katholische Kirche in Österreich nachhaltig gestärkt. (ende) K200901074
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