"DER STANDARD"-Kommentar "Hoher Blutzoll für die Banken" von Andreas Schnauder

Wenn die Finanzspritzen für die Geldinstitute nicht aufhören, droht der Staatskollaps - Ausgabe vom 30.1.2009

Wien (OTS) - Ist den Banken noch zu helfen? Wie schwer diese Frage zu beantworten ist, zeigen schon die unterschiedlichen Strategien, mit denen man der Krise der Finanzwirtschaft beikommen wollte. Am Anfang stand der Paulson-Plan, mit dem der Ex-US-Finanzminister die Geldinstitute von toxischen Kreditpapieren befreien wollte. Dann gab plötzlich Großbritannien den Takt an und preschte mit direkten Kapitalspritzen an die Banken vor, parallel dazu wurde weltweit mit Staatsgarantien für wankende Institute hantiert. Nun heißt es nicht nur in den USA: Back to the roots. Das Konzept der Bad Bank, in der faule Papiere gebunkert werden sollen, gewinnt an Zustimmung.

US-Präsident Barack Obama ist offenbar bereit, große Summen für den Befreiungsschlag in die Hand zu nehmen. Das muss er auch. Der Internationale Währungsfonds hat den Wertberichtigungsbedarf allein aus US-Immobilien- und Kreditverbriefungen mit 2200 Milliarden Dollar beziffert. Diesen Betrag abzuschreiben würde jedenfalls den US-Finanzsektor überfordern - oder wie es der wegen seiner Crash-Szenarien mittlerweile gefeierte Ökonom Nouriel Roubini formuliert: "Das System ist bankrott."

Ein Kollaps des Finanzsystems ist aber offenbar politisch nicht opportun, seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers erst recht nicht. Politik und veröffentlichte Meinung folgen dem Gerede vom Blutkreislauf der Wirtschaft, den die Banken sicherstellten. Und von drohenden Kettenreaktionen. Ein ziemlicher Unsinn, wie ein kurzer Blick auf die Realität zeigt: Von Kreislauf kann keine Rede sein, die Geldinstitute horten das ihnen von Zentralbanken und Staaten zur Verfügung gestellte Kapital.

Und die Kettenreaktion ist längst eingetreten, indem Produktion und Handel weltweit von der Finanzkrise angesteckt wurden.

Statt die Notbremse zu ziehen, wird die Mär, dass die Krise von Lehman ihren Ausgang genommen hätte, so lange verbreitet, bis sie zum Faktum mutiert ist. Als zeigten die ökonomischen Eckdaten nicht, dass der Absturz bereits Monate vorher eingeleitet wurde. Und dass sich die Krise an den Geldmärkten erst einige Zeit später, als die Querelen um den Washingtoner Rettungsplan eskalierten, ausweitete. Ein kontrollierter Fall von Wolke sieben, auf der vor allem die US-Investmentbanken die letzten Jahre schwebten, in Chapter 11 käme die Steuerzahler nicht nur billiger, sondern würde zudem den Neustart erleichtern. Öffentliche Mittel sollten vor allem dafür verwendet werden, negative Auswirkungen auf Gläubiger und Konsumenten zu verhindern. Oder glaubt wirklich jemand, dass die Pleite einer Hypo Real Estate mehr Schaden anrichten könnte, als ihre Rettung kostet (bisher 92 Milliarden Euro an Garantien und Zuschüssen)? Aber wie gesagt: Diese Nummer ist den Regierungen etwas zu groß, weshalb jetzt das nächste Instrument aus der Mottenkiste gezaubert wird.

Das Konzept der Bad Bank hat im Gegensatz zu Liquiditäts- und Eigenkapitalspritzen wenigstens den Vorteil, dass das Unkraut an der Wurzel gepackt wird. Derzeit wächst die Kreditklemme parallel mit dem Abschreibungsbedarf, der auf die Eigenkapitalquote der Banken drückt. Diese Spirale kann mit Rekapitalisierung oder Garantien nicht gestoppt werden, sehr wohl aber mit der Befreiung der Institute von ihren faulen Papieren.

Für den Steuerzahler stellte die Methode eine bittere Pille dar. Schon jetzt darf davon ausgegangen werden, dass die finanziellen Belastungen die Industriestaaten über Generationen belasten werden. Selbst der Staatskollaps großer Ökonomien kann angesichts der astronomischen Verschuldung nicht mehr ausgeschlossen werden. Ein zu hoher Blutzoll für den Fall einer Branche.

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