Bayr zu FGM: Kultur ist keine Rechtfertigung für Menschenrechtsverletzungen

UN-Sonderberichterstatter Nowak: Weltweit drei Millionen Mädchen jährlich von Beschneidung betroffen

Wien (SK) - "Kultur darf niemals Menschenrechtsverletzungen rechtfertigen", betonte die SPÖ-Bereichssprecherin für Umwelt und globale Entwicklung, Petra Bayr, am Donnerstag im Rahmen einer Pressekonferenz zum Thema "Weibliche Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung". Ebenfalls am Podium: Menschenrechtsexperte und UN-Sonderberichterstatter Manfred Nowak, der festhielt, dass weltweit jährlich drei Millionen Mädchen - meist jünger als zehn Jahre - beschnitten werden. Insgesamt sei mit 140 Millionen betroffenen Frauen weltweit zu rechnen. Mari Steindl, Geschäftsführerin des Zentrums für interkulturellen Dialog, plädierte dafür, die Praxis der Genitalverstümmmelung als soziale Praxis zu bezeichnen, denn "soziale Praktiken sind verhandelbar". ****

Bayr, die auch Initiatorin der österreichischen Plattform gegen weibliche Genitalverstümmelung ist, wies auf die Situation von FGM (female genital mutilation) in Österreich hin: Laut einer Umfrage wollen 30 Prozent der Eltern, die aus jenen 28 afrikanischen Ländern stammen, in denen FGM praktiziert wird, ihre Töchter verstümmeln lassen, wobei von diesen 30 Prozent wiederum 90 Prozent die Beschneidung in ihrem Herkunftsland durchführen lassen wollen, neun Prozent in einem anderen Land der Europäischen Union und nur ein Prozent in Österreich. Die SPÖ-Abgeordnete plädiert deshalb für verstärkte Bewusstseinsarbeit. Im Rahmen der Plattform versuche man, zu vernetzen und verschiedenste Akteure an einen Tisch zu bekommen, des Weiteren informiere man ÄrztInnen und LehrerInnen über die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung.

Darüber hinaus hat die Plattform einen Folder in fünf Sprachen herausgegeben, der sich an Eltern richtet, die aus Ländern stammen, in denen FGM praktiziert wird. In diesem Folder wird nicht verharmlost, sondern klar auf die rechtliche Situation in Österreich hingewiesen. In Österreich wird Genitalverstümmelung als schwere Körperverletzung verstanden und mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft, auch wenn das Opfer eingewilligt hat. Strafbar ist die Tat auch dann, wenn sie im Ausland begangen wurde. Die Verjährungsfrist beginnt erst dann, wenn das Opfer volljährig ist und bestraft werden sowohl TäterInnen als auch HelferInnen. Der Info-Folder ist unter www.stopfgm.net abrufbar.

Bayr verwies in ihrem Statement auf den Weltbevölkerungsbericht 2008, der sich explizit mit Kultur, Gender und Menschenrechten beschäftigt. Dort wird festgehalten, dass Kultur und Tradition auf das Engste mit dem Lebensalltag von Frauen verknüpft sind. Deshalb, so Bayr, sei es wichtig, dass kulturelles Verständnis auch in die Entwicklungspolitik einfließe. "Kulturen zu verstehen, kann immens helfen, gemeinsam mit Betroffenen Menschenrechtsverletzungen zu stoppen", unterstrich die Abgeordnete. Sie selbst habe bei ihrem Engagement gegen FGM die Erfahrung gemacht, dass man nur Erfolge erzielen kann, wenn sehr sensibel damit umgegangen werde und die Kultur der Betroffenen berücksichtigt werde. Darüber hinaus müsse man sich vergegenwärtigen, dass in jeder Kultur Menschenrechtsverletzungen und Frauenunterdrückung vorkommen.

"FGM hat keine religiösen Gründe", unterstrich Bayr. Oftmals werde die Beschneidung von Mädchen als Initiationsritus verstanden, manche Kulturen gehen davon, dass FGM die Reinheit, Gesundheit und Schönheit einer Frau garantiere und manchmal werde auch davon ausgegangen, dass durch die Beschneidung die Fruchtbarkeit der Frau erhöht werde. Diese Gründe zu verstehen sei wichtig, "nicht um zu legitimieren, sondern um in den Dialog treten zu können". Verstehe man den kulturellen Background, dann sei es möglich, gemeinsam mit den Menschen andere Initiationsriten zu erarbeiten oder Ansprechpartnerinnen für Frauen zu etablieren, die Auskunft über Gesundheit und Sexualität geben. Des Weiteren sei es wichtig, den Beschneiderinnen ein anderes Einkommen zu garantieren.

"Genitalverstümmelung hat nichts mit dem Islam zu tun", hielt Manfred Nowak fest. Oftmals werde in den Medien FGM mit dem Islam in Verbindung gebracht, dabei seien die primären Gründe "partriarchale Strukturen und Unterdrückung der Frauen". In den letzten Jahren habe es in der Frage der Genitalverstümmelung bereits Fortschritte gegeben, das Bewusstsein, auch in Afrika sei gestiegen. In Europa sei Frankreich führend, wenn es darum gehe, Personen zu verfolgen, die für Genitalverstümmelungen verantwortlich sind. In Österreich sei man mit dem Gewaltschutzgesetz ebenfalls sehr gut aufgestellt, allerdings mangle es in Österreich an empirischer Forschung zu diesem Thema.

Eine ausführliche Podiumsdiskussion zum Thema FGM findet am 2. März 2009 um 18.30 Uhr im Renner-Institut, 1120 Wien, statt. (Schluss) sw

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