WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Wie Spanien Russland überholt - von Herbert Geyer

Gäbe es den Euro nicht schon, er müsste jetzt erfunden werden

Wien (OTS) - Wirtschaftsprognostiker sind derzeit um ihren Job wahrlich nicht zu beneiden: Noch vor einem halben Jahr schien die Wirtschaft der Russischen Föderation ein unsinkbares Schlachtschiff zu sein, das auf einem See von Ölmilliarden schwimmt. Dank ständig steigender Ölpreise schien diese Macht für lange Zeiten abgesichert, Sorgen machten allenfalls die zu reichlichen Devisenzuflüsse, die dem Rubel einen ständigen Aufwärtsdrall verliehen und damit der russischen Industrie ein Überleben im internationalen Wettbewerb schwer machten.

Jetzt ist alles anders. Der Absturz des Ölpreises auf knapp ein Drittel hat - in Verbindung mit der weltweiten Verknappung der Kreditmittel - genügt, um aus dem unsinkbaren Schlachtschiff eine leck gelaufene Fregatte zu machen. Die russische Volkswirtschaft, die - nicht nur wegen der dahinter stehenden politischen Macht, sondern auch nach wirtschaftlichen Kriterien durchaus zu Recht - in die G8, die acht größten Volkswirtschaften der Welt, vorgedrungen war, läuft Gefahr, aus den Top ten der Welt zu fliegen, ja noch ein paar Plätze weiter durchgereicht zu werden.

Und das, ohne dass im Land selbst davon viel zu bemerken ist: Das russische Wirtschaftsministerium rechnet bloß mit einem Schrumpfen der Wirtschaft um 0,2 Prozent, nach den jüngsten Prognosen von Raiffeisen, die das WirtschaftsBlatt erst am Montag veröffentlichte, wird die russische Wirtschaft heuer gar nicht schrumpfen, sondern sogar noch um ein Prozent wachsen.

Zum Vergleich: Spanien, eines der Länder, die Russland heuer überholen könnten, steckt tief in der Rezession, die EU-Kommission erwartet für heuer ein Minus von zwei Prozent.

Der Unterschied heißt Euro: Während sich Spanien dank seiner Mitgliedschaft in der Währungsunion trotz Krise auf eine stabile Währung verlassen kann, ist Russlands Absturz vor allem dadurch begründet, dass der Rubel seit seinem Hoch im vergangenen Oktober gegenüber dem Euro gut 20 Prozent an Wert verloren hat. Und das verkraftet eine Volkswirtschaft ebenso schwer wie den davor erlittenen Anstieg auf Grund der ständigen Ölgeld-Zuflüsse. Ähnlich leidet ja auch die britische Wirtschaft unter fallenden Pfundkursen, die seit dem Herbst ebenfalls bis zu 20 Prozent nachgegeben haben. Und auch die Schweden sind mit ihrer schwächer gewordenen Krone nicht wirklich glücklich, obwohl dort wenigstens die Zinsen niedrig bleiben.

Gäbe es den Euro nicht schon, spätestens jetzt müsste er erfunden werden.

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