Lehren aus der japanischen Finanzkrise: "Handeln statt warten"

Früherer japanischer Finanzminister Heizo Takenaka und Nationalbank-Chef Ewald Nowotny zu Gast bei den "Wirtschaftspolitischen Gesprächen" von WKÖ und IHS

Wien (PWK063) - Europa kann viele Lehren aus der Wirtschaftskrise ziehen, die Japan in den 90er-Jahren durchgemacht hat. Nach dem Platzen einer Immobilienblase wurde das Land Anfang des vorigen Jahrzehnts von einer langanhaltenden Rezession getroffen und hatte dabei mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie wir heute, erklärte WKÖ-Vizepräsident Richard Schenz in seinen Eröffnungsworten zur Begrüßung des prominenten japanischen Ökonomen Heizo Takenaka.

Prof. Takenaka, der von 2001 bis 2006 als Wirtschafts- und Finanzminister dem Kabinett von Ministerpräsident Junichiro Koizumi angehört hatte, sprach heute, Freitag, im Rahmen der von WKÖ und IHS veranstalteten "Wirtschaftspolitischen Gespräche" zum Thema "Die Finanzkrise und Strukturreformen - Was wir von Japan lernen können". Als weiteren Gast auf dem Podium konnte Schenz den Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, Ewald Nowotny, begrüßen, der die Entwicklung aus österreichischer Sicht beleuchtete.

Japans Banken hatten mit notleidenden Krediten zu kämpfen, manche mussten verstaatlicht werden, um einen Zusammenbruch des Bankensystems zu verhindern. Um die Realwirtschaft anzukurbeln und die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren, brachte die japanische Regierung mehrere großangelegte Keynesianische Deficit-Spending-Programme auf Schiene, das zu einer hohen Staatsverschuldung von mehr als 180 Prozent des BNP führte. Der Plan scheiterte jedoch, da es die Banken verabsäumten, ihre Bilanzen zu sanieren. Es folgten mehr als zehn Jahre mit nur geringem Wachstum -die, wie Takenaka sagte, in Japan heute als "verlorenes Jahrzehnt" gelten. Die Lehre daraus für das Bankensystem kann nur lauten: die Bilanzen möglichst zeitnah auf Vordermann zu bringen.

Erst tiefgreifende Strukturreformen, darunter Maßnahmen zur Deregulierung und Privatisierung, wie die von Takenaka unterstützte Privatisierung der japanischen Post, brachten die Wirtschaft wieder in Schwung und führten schließlich zu 66 Monaten mit einem kontinuierlichen Wirtschaftswachstum.

Während es sich im Japan der 90er-Jahre in erster Linie um eine Bankenkrise handelte, die auf ein Land beschränkt war, geht es heute hingegen um eine weltweite, vom Geldmarkt ausgelöste Krise, führte Prof. Takenaka aus. Zur Überwindung dieser globalen Krise ist Vertrauen und damit die Rolle der Nationalbanken besonders gefragt. Gefragt seien eine starke Führung durch Regierung und Nationalbank. "Wichtig ist ein wirksames ´agenda setting´", hob der Finanzexperte die Bedeutung der Wechselwirkung zwischen Politik und Wirtschaft hervor.

Auch Nationalbank-Chef Nowotny stellte Vertrauen und politische Stabilität in den Vordergrund, warnte jedoch gleichzeitig vor überbordenden Maßnahmen. "Ich bin skeptisch gegenüber zu vielen Aktionen in zu kurzer Zeit", sagte der erfahrene Banker. Essentiell für die Bankenstabilität sei die Bankenaufsicht. Hier habe man die richtige Mischung noch nicht gefunden. Erfreut zeigte sich Nowotny darüber, dass es zum ersten Mal zu einer koordinierten Finanzpolitik in Europa gekommen ist. "Das multipliziert die Wirkung und stabilisiert die Situation". In jüngster Zeit seien bereits gewisse Tendenzen einer "Rückkehr zur Normalität" festzustellen. Auch die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank habe zugenommen.

Ganz wichtig für den Banksektor sei es, eine starke Liquidität zu haben. Volkswirtschaftlich gehe es darum, sowohl gegen Inflation als auch gegen Deflation geeignete Maßnahmen zu setzen. Eine gewisse Inflation sei zur Erzielung eines Wirtschaftswachstums notwendig. Ziel der Europäischen Zentralbank sei daher eine Inflationsrate von rund zwei Prozent, stellte Nowotny fest. (hp)

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