"Die Presse"-Leitartikel: Der Bodenkultur fehlt die Unternehmenskultur, von Martina Salomon

Ausgabe vom 20.01.2009

Wien (OTS) - Die einzige Rektorin Österreichs räumt das Feld.
Wer immer daran schuld ist: Die Optik ist miserabel.

Sie war von Anfang an umstritten: Am Montag hat die einzige Rektorin Österreichs, Ingela Bruner, dem Uni-Rat an der Boku ihren Rücktritt angeboten. "Mobbing", sagt sie. Missmanagement werfen ihr die Gegner vor. Im Gestrüpp wechselseitiger Vorwürfe liegt die Wahrheit wohl irgendwo mitten drinnen. Es wäre zu einfach, das Ganze auf einen Konflikt "Männernetzwerk gegen Einzelkämpferin" zu reduzieren. Es sind ja auch schon männliche Rektoren seit dem neuen (seit 2004 geltenden) Uni-Gesetz abberufen worden.
Über Bruner, erst vor einem Jahr inauguriert, ist seit ihrer Berufung hinter vorgehaltener Hand gelästert worden - bevorzugt von älteren Herren. Sie habe das Amt allein ihrem Geschlecht zu verdanken, hieß es gehässig. Nicht einmal habilitiert sei sie und fachlich nicht zur Bodenkultur passend, rümpfte man die Nase (an der Akademie der angewandten Kunst war das mit Gerald Bast aber nie ein Problem). Dass Bruner von der als "B-Universität" geltenden Donau-Uni Krems gekommen war, wurde gerne erwähnt - ohne dazuzusagen, dass die TU-Absolventin Leiterin der Forschungsabteilung der OMV gewesen war und selbst jahrelang über Energie, Umwelt und Verkehr geforscht hatte. Die Qualifikation kann es also nicht gewesen sein. Das Geld auch nicht:
Ihr Budgetabschluss 2007 war besser als jener davor, und die Leistungsvereinbarungen mit dem Ministerium bereiten auch anderen Rektoren Kopfzerbrechen.

Man hatte ihr nahegelegt, aus Krankheitsgründen auszuscheiden. sDoch trotz schwerer Krebserkrankung war Bruner um vollen Einsatz bemüht, nahm an zahlreichen Diskussionsforen teil. In einem anonymen Schreiben wurde neben dem ernst zu nehmenden Vorwurf der Strategielosigkeit unter anderem angeprangert, dass sie "bei allen Partys dabei und in allen Medien präsent" sei. Dieser Satz disqualifiziert die Kritiker. So etwas sagen nur klassische Elfenbeinturmbewohner, die öffentliche Diskussionen über Universitäten für gemeingefährlich halten. Abgesehen davon: Sind Partys allgemein unter der Würde von Rektoren? Oder betrifft das nur Frauen? Wobei man sich als krebskranke Frau überhaupt daheim verstecken muss?
Die Optik, wie diese Ablöse gelaufen ist, kann man nur als katastrophal bezeichnen - und sie wirft ein schlechtes Bild auf die Boku selbst: Diejenigen, die den Bruner-Vorgänger Dürrstein abmontieren wollten, hoben Bruner auf den Schild. Gegen eine Frau habe er keine Chance, so das Kalkül, das auch aufging. Nun sind einige von Bruners ehemaligen Unterstützern ins gegnerische Lager übergelaufen. Ein Déjà-vu: Diejenigen, die Dürrsteins Untergang beschlossen haben, besiegeln nun jenen Bruners. (Unter ihnen befinden sich übrigens auch Frauen.) Die Boku - eine Uni voll Intriganten?

Jedenfalls eine Universität im Umbruch, allein baulich ist vieles im Fluss: ein Forschungszentrum in Tulln (worüber Dürrstein stolperte, weil die Kollegen nicht aus Wien wegziehen wollten), ein Hörsaalzentrum an der Türkenschanze, für das ein gesamtes Raumordnungskonzept bis 2020 nötig ist. Gleichzeitig brechen - wie auch an anderen Unis - wegen der Wirtschaftskrise Drittmittel für die Forschung ein. Und alle kämpfen an den hohen Schulen mit zu wenig Geld, zu viel Bürokratie und einem fehlenden Kollektivvertrag für Uni-Angehörige, die ja keine Beamten mehr sind. Möglicherweise ist Bruner auch in die "Superfrauenfalle" gelaufen: In dem Bemühen, alles perfekt zu machen, sich um alles kümmern zu müssen, hat sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, ein Kontrollfreak zu sein, der nicht delegieren kann.
Die unkonventionelle Forscherin war bisher Vorzeigefrau der österreichischen Universitäten: eine gute Networkerin, aber vielleicht nicht die ideale Führungsperson für ein schwieriges Haus in einer schwierigen Zeit. Ihr scheinen auch taktische Fehler unterlaufen zu sein. Die gebürtige Schwedin (die als Diplomatentochter in Syrien, im Libanon, in Frankreich und Indien aufgewachsen war) beachtete heimische Hierarchien nicht. Sie sah sich als Verbündete der Studenten (die jetzt der "Mama der Boku" nachtrauern), stieß aber so manchen Professor, so manche Professorin samt ihren Fürstentümern vor den Kopf - wohl auch jene, die sich mit der Autonomie der Universitäten und der starken Stellung des Rektors nach wie vor nicht abgefunden haben.
sDie Universitäten sind in Wahrheit noch immer in einer Übergangsphase, das zeigt der Fall Bruner recht anschaulich. Es braucht starke Rektor(inn)en und Universitätsangehörige, die für ihre Anliegen kämpfen - aber bitte mit offenem Visier.

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