WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Jean-Claude macht’s schon richtig - von Robert Gillinger

Banken werden "gezwungen", Geld in die Wirtschaft zu pumpen

Wien (OTS) - Über seinen Schatten springen ist Jean-Claude
Trichets Sache nicht. Der Markt erwartete von ihm eine Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte auf 2,0 Prozent - der Markt bekam sie. Dass der Euro Sekunden später wie ein Stein fiel, zeigt, dass mehr erhofft wurde. Doch lassen wir die Kirche im Dorf - ob Europas Leitzins jetzt bei 2,0 oder 1,75 Prozent liegt, ist der Wirtschaft eigentlich egal. Liegt das eigentliche Problem ja darin, überhaupt Geld von Banken zu bekommen.

Es mag also sein, dass Trichet in den kommenden Tagen ein bisserl Fett abbekommt, warum er denn nicht mit mutigeren Schritten der heraneilenden Rezession entgegentritt. Ob es klug gewesen wäre, darüber werden Historiker entscheiden. An sich war der 0,5-Prozentpunkte-Schritt aber genau das, was wirtschaftlich vertretbar war: Europas Wirtschaft hinkt der US-Entwicklung um etwa ein halbes Jahr hinterher. Und wo lag der US-Leitzins vor einem halben Jahr? Richtig, bei 2,0 Prozent. Wenig später begann dann zwar die US-Fed mit ihrer Quasi-Nullzinspolitik. Damit können wir uns ohnehin sicher sein, es war Trichets letzte Zinssenkung nicht.

Warum auch? Die mittlerweile (negativen) Wachstumserwartungen für heuer werden laufend nach unten revidiert und auch die Höhe der Inflation macht uns keine Sorgen mehr. Dafür bereitet ihre Tiefe ein wenig Kopfschmerzen, die Sorge vor Deflation (rückläufigen Teuerungsraten).

Beim Ex-Chefvolkswirt der EZB, Otmar Issing, war jedenfalls das Credo, dass es Teuerungsraten von unter 1,0 Prozent zu vermeiden gilt. Davon sind wir laut den offiziellen Zahlen noch weit entfernt, doch die EZB sieht sich die Markterwartung an - und die liegt auf Sicht der kommenden fünf Jahre bei gerade mal 1,4 Prozent - auf kürzere Sicht sogar bei unter 1,0 Prozent. Allein aus diesem Grund wird die EZB schon bald wieder zum Mittel der Zinssenkung greifen, um den Geldfluss anzukurbeln und damit Deflationstendenzen zu begegnen.

Einen wichtigen Schritt hat die Notenbank aber bereits diesmal gemacht, tendenziell unbeachtet: Denn während der Leitzins nur um 20 Prozent (von 2,5 auf 2,0 Prozent) reduziert wurde, hat sich der sogenannte Einlagenfazilitätssatz halbiert (von 2,0 auf 1,0). Diesen Zinssatz bietet die EZB Geschäftsbanken, wenn sie ihre Gelder über Nacht bei ihr parken. Das wurde zuletzt viel zu sehr in Anspruch genommen, was zur Kreditklemme der "normalen" Wirtschaft führte. Dieses Vorgehen der Banken müsste sich jetzt eigentlich einbremsen -danke, Jean-Claude Trichet.

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