"Thema: Verjährtes Verbrechen - Weiteres Priklopil-Opfer?": Das Interview im Wortlaut

Wien (OTS) - ACHTUNG: SPERRFRIST FÜR ALLE MEDIEN (FERNSEHEN,
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Im Folgenden die Abschrift des heutigen "Thema"-Beitrags (21.10 Uhr, ORF 2) "Verjährtes Verbrechen - Weiteres Prikloplil-Opfer":
Es war auf einer Wiese in Strasshof, unweit des Elternhauses von Wolfgang Priklopil, das später weltbekannt werden sollte. Jahre vor der Entführung von Natascha Kampusch soll sich Priklopil dort an einem anderen Mädchen vergangen haben. Andrea L., heute eine erwachsene Frau, meldete sich bei "Thema". Jahrelang hatte sie geschwiegen. Erst nachdem es Natascha Kampusch gelungen war, ihrem Peiniger zu entkommen, erkannte sie in Wolfgang Priklopil jenen Mann, der sie als Siebenjährige missbraucht hatte. Schon kurz nach dem Verschwinden von Natascha Kampusch hatte ein Hundestaffelführer darauf hingewiesen, dass Priklopil dafür bekannt sei, auf "kleine Mädchen zu stehen", und ihn als Entführer beschrieben. Seine Anzeige wurde damals von der Polizei nicht ernstgenommen. Obwohl Andrea L. vergangenen August Anzeige erstattet hatte, nahm keine Behörde bisher mit ihr Kontakt auf. Christoph Feurstein hat exklusiv für "Thema" mit der jungen Frau gesprochen.

Im Folgenden das Interview:

Die Vorarlbergerin Andrea L. zeigt uns das Ferienhaus ihrer Eltern in Strasshof.

Christoph Feurstein: Wie oft waren Sie da als Kind?

Andrea L.: Also so gut wie jeden Sommer, Osterferien, Pfingstferien.

Christoph Feurstein: Also, ihre Eltern haben auch in Wien eine Wohnung gehabt?

Andrea L.: Also eine Mietwohnung, dort hatten wir auch keinen Garten, und es war jedes Mal, also schön, wenn wir hierher gekommen sind.

Ende der sechziger Jahre ziehen Andreas Eltern von Wien nach Vorarlberg. Das Ferienhaus in Strasshof behalten sie. Andrea wird in Vorarlberg geboren.

Christoph Feurstein: Und wann waren Sie zum letzten Mal in diesem Haus oder in dem Garten?

Andrea L.: Ja, das war Juli 1992 mit meinen Eltern, wo ich noch ein Kind war und das letzte Mal im Sommer 2008, wo ich die Anzeige in Deutsch-Wagram gemacht hab.

Christoph Feurstein: Wie war das im Sommer 2008, wie Sie an diesen Ort zurückgekommen sind?

Opfer: Also schrecklich, ich hab zwei Stunden weinend draußen auf dem Brunnen verbracht, erst am Folgetag hatte ich den Mut, nach Deutsch-Wagram zu fahren. In Strasshof gibt es keine Polizeistelle.

Die Welt ist für Andrea L. in Ordnung, bis sie an einem Sommertag Wolfgang Priklopil begegnet. Es ist das Jahr 1985. Priklopil ist 23 Jahre alt. Sein Haus ist fünf Minuten von dem Grundstück entfernt, auf dem Andrea als Kind gern spielt.

Andrea L.: Also der Schleichweg war in der Mitte, es gab Gebüsche, Bäume, Hügel, das Grundstück war unübersichtlich, drum hab ich als Kind hier auch gerne gespielt.

Christoph Feurstein: Wie hat Wolfgang Prikopil Kontakt zu Ihnen aufgenommen?

Andrea L.: Ja, also er kam auf mich zu, rief hallo, ich drehte mich um und sah, dass ein Mann auf mich zukam, ein Fahrrad stand am Straßenrand, und ich dachte zuerst, der schimpft, weil ich vielleicht hier nicht spielen kann. Vielleicht war das der Besitzer von hier, das hab ich zuerst gedacht. Er hat mir Haselnüsse geschenkt, wirkte aber sehr freundlich, und so konnte er mich überreden, dass ich mich zu ihm ins Gras setze.

Andrea ist zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt.

Andrea L.: Er fragte, ob ich hier wohne, er fragte mich nach meinem Namen, dann hat er mir seinen genannt, er hat mir das Fahrrad gezeigt, seine Mutter hat es ihm glaub vor kurzem erst gekauft, er war stolz darauf.

Christoph Feurstein: Wie hat er sich Ihnen gegenüber verhalten?

Andrea L.: Wie ein Gleichaltriger aus meiner Klasse, er behandelte mich auch nicht wie ein Kind, sondern wie eine Person, die auf der gleichen Altersstufe steht, was mich sehr irritiert hat, weil ich so einem Erwachsenen noch nie begegnet bin. Also er hat mir Sachen erzählt, dass er fast keine Freunde hätte, er begann mir leidzutun.

Als sich Natascha Kampusch befreien kann, erkennt Andrea auf Fotos den Mann, der sich vor 21 Jahren ihr Vertrauen erschlichen hat. Erinnerungen, die sie aus Scham und Angst ins Vergessen gezwungen hat, kommen hoch.

Andrea L.: Er hat mich gezwungen, auf seinem Schoß zu sitzen, er hat gesagt, ich darf mich nicht wehren, ich müsse die Augen schließen, er hat mich ausgezogen.

Erstmals vertraut sich Andrea Karin Kaufmann vom Selbsthilfeverein Schmetterlinge an. Hier rät man ihr zu einer Therapie und auch zu einer Anzeige beim Bundeskriminalamt. Auch beim Schritt an die Öffentlichkeit unterstützt der Verein die 31-Jährige. Schließlich sei ihre Geschichte exemplarisch für viele andere und zeige, dass Priklopil kein Einmaltäter sei.

Christoph Feurstein: Frau Kaufmann, eine Frau kommt zu Ihnen in die Beratungsstelle und sie sagt, sie ist ein Missbrauchsopfer von Wolfgang Priklopil. Was war Ihre erste Reaktion?

Karin Kaufmann, Verein Schmetterlinge: Ja schauen Sie, mir ist es völlig egal, ob der Täter Priklopil, Müller, Maier oder Siegfried heißt, denn so wie auch im Fall des Priklopil hat auch er wie ein richtig typischer Täter einfach einmal ganz klein angefangen und hat irgendwann lange Zeit gehabt, um sich wirklich auf einen Super-GAU vorzubereiten, und das Typische an der ganzen Geschichte ist die Tatsache, dass man vor - ich weiß ja nicht - vor zehn Jahren, oder wann, wie diese Frau Kampusch verschwunden ist, ja damals schon gesagt hat, der Mann, der steht auf kleine Kinder, geht's dort nach -und es ist nichts passiert.

Karin Kaufmann ist selbst Mutter zweier Kinder und selbst Betroffene von sexuellem Missbrauch. Seit der Gründung des Vereins Schmetterlinge im Herbst 2008 haben sich in Vorarlberg mehr als 300 Opfer bei ihr gemeldet - Frauen wie Männer. Aus unzähligen Erlebnisberichten weiß Karin Kaufmann, dass es keine Seltenheit ist, wenn Opfer den Übergriff oft jahrelang verdrängen.

Kaufmann: Bei Menschen, bei denen sich der Fall so lagert wie bei der Betroffenen selbst, ist es sehr, sehr gewöhnlich, dass sie dieses einmalige Erlebnis, das in einem fremden Ort stattgefunden hat, in der Lage sind, ganz stark zu verdrängen, als Menschen, die tagtäglich in ihrem Alltag davon betroffen sind.

Auch wenn die Tat verjährt ist, auch wenn Wolfgang Priklopil tot ist, will Andrea auf ihr Schicksal aufmerksam machen und ernstgenommen werden. Auch will sie zeigen, dass es noch weitere Opfer geben könnte. Umso mehr hat sie die Reaktion des Bundeskriminalamts auf ihre Anzeige im Sommer 2008 schockiert.

Christoph Feurstein: Wie hat die Polizei reagiert, auf ihre Angaben?

Andrea L.: Ich habe nach meiner Aussage, nach meiner Rückfahrt, die Polizistin nochmals angerufen, und dort hat sie mir das eben mitgeteilt, dass das Bundeskriminalamt nichts mehr für mich tun kann und ich höchstens noch also für mich selber alles aufschreiben kann, in Form von einem Tagebuch oder Notizen. Also das hat mich sehr getroffen.

Der Vorarlberger Psychiater und Gerichtsgutachter Reinhard Haller hat sich eingehend mit Wolfgang Priklopil beschäftigt. Er sagt, dass die Geschichte Andreas weitere Aufschlüsse über die Psyche des Täters geben könnten. Er glaubt aber auch zu wissen, warum die Polizei hier nichts unternimmt.

Haller: Es ist sehr schwierig, und zwar insofern, dass wir bei großen Kriminaltaten immer wissen, dass es auch diese Trittbrettfahrer gibt, d. h. Personen, die sagen, ich hab den gekannt, ich bin auch einmal sein Opfer geworden, ich bin zu ihm in irgendeiner Beziehung gestanden. Man weiß, dass es etwa 50 Prozent hier auch Falschanzeigen gibt, in diese Richtung. Natürlich besteht dann die Gefahr, dass die Beamten sagen, das ist schon wieder jemand, der sich auf Deutsch gesagt, wichtig machen will in den Medien, der sich selbst darstellen will, im Schatten dieses berühmten Verbrechers, und sie gehen dann solchen Spuren nicht nach. Das ist natürlich keine nicht ganz ungefährliche Haltung, weil man dabei manchmal auch wahre Spuren tatsächlich vernachlässigt und ihnen nicht nachgeht.

Seit jenem Tag im Sommer 1985 sind Andreas Kinderzeichnungen dunkel geworden, das geliebte Ferienhaus zur Bedrohung. Jetzt muss Andrea wieder lernen, Farben in ihr Leben zu bringen. Dazu gehört es auch, ernstgenommen zu werden.

Andrea L.: Ich weiß, was mir passiert ist, und dazu werd ich auch immer stehen. Ich hab auch Erinnerungen, wo Beweise sind, ja, es war diese Person, hundertprozentig.

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